Festival

Pop-Kultur 2017

Viel Lärm um Pop – Das Festival Pop-Kultur musste in den letzten Jahren viel Schelte einstecken: Bespaßung auf Kosten des Staats und der lokalen Musikszene warfen die Kritiker den Veranstaltern vor. Wird nun alles anders?

Foto: Sara Perovic

Zu welch heftigen Reaktionen der hauptstädtische Kulturbetrieb neigt, wenn Zäsuren erfolgen oder neue Player ins Spiel kommen – nun, das hat man etwa am Beispiel der Volksbühne zu Genüge erfahren. Auch beim Musicboard Berlin weiß man ein Lied, oder sagen wir: einen Pop-Song davon zu singen. Vor zwei Jahren schickte sich die vom Senat geschaffene Institution für die Belange der Popmusik mit einem eigenen Festival – „Pop-Kultur“ – an, die glücklose Branchenveranstaltung Berlin Music Week abzulösen, die wiederum einige Jahre zuvor auf die glück- und mittellose Popkomm ­gefolgt war.

Die Kritik war laut in den ersten beiden Jahren. Schließlich flossen rund 660.000 Euro Steuer­gelder in dieses Festival mit seinen Konzerten, Talks und Performances – in einer an Kulturfestivals nicht armen Stadt. Und als das „Pop-Kultur“ im vergangenen Jahr in diversen hippen Neuköllner Locations stattfand, beklagte so mancher Akteur der Subkultur, es gehe doch bloß um schnödes Stadtmarketing. Der ­lokale Underground käme zu kurz. Deshalb gab es auch eine Gegenveranstaltung: „Off-Kultur“ hieß sie.

Diese Vorgeschichte muss berücksichtigen, wer die nun beginnende, dritte Auflage des „Pop-Kultur“-Festivals einordnen möchte. Augenscheinlich ist zunächst ein erneuter Umzug: In diesem Jahr ist die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg der Ort des Geschehens. Und dann fällt auf, dass Musicboard-Chefin Katja Lucker und das Kuratorenteam ­Christian Morin und Martin Hossbach den Fokus auf Berliner Künstlerinnen und Künstler noch mal verstärkt haben: Ob Indie-Heroinnen wie Barbara Morgenstern oder Gudrun Gut, aktuelle Pop-Acts wie Romano und Balbina oder gnadenlos unterschätzte Interpreten wie AUF, F.S. Blumm, LeVent und Soft Grid, sie alle tauchen im Programm auf.

Genauso sind mit den Organisatorinnen des Torstraßenfestivals und den Betreibern des inzwischen dichtgemachten Clubs Antje Øklesund einige lokale Veranstaltergrößen am Start. Und Michael Aniser, Mitveranstalter der „Off-Kultur“ im vergangenen Jahr, bestreitet diesmal selbst ein Panel und sitzt mit Lucker auf dem Podium. Die Frage: „Pop-Kultur – Brauchen wir das überhaupt?“

Katja Lucker weiß zunächst einmal, was Berlin nicht braucht: „Noch ein weiteres Festival mit austauschbarem Line-Up ist sicher nicht das, was uns vorschwebt“, sagt sie im Interview. Was sie stattdessen will? Neue Formate zum Beispiel. „In diesem Jahr haben wir erstmals Auftragswerke an Künstler vergeben“, erklärt sie, „dabei haben Künstler ihre eigenen Programme für das Festival entworfen.“ Entstanden sind so etwa die vom Musiker und Autor Hendrik Otremba entwickelten „Typewriter-Klangwelten“ – eine Reihe von Hörspielen, Talks und Performances. Oder eine Fotoausstellung des Berliner Szenefotografen Roland Owsnitzki („Keller – 80 Fotos aus den 80er-Jahren“).

Ein übergreifendes Thema des Musicboards in diesem Jahr taucht auch auf: Geschlechtergerechtigkeit im Pop. Das internationale Netzwerk female:pressure, das seit einigen Jahren errechnet, wie hoch oder besser wie niedrig der Frauenanteil in der internationalen Pop- und Elektronik-Szene ist, wird neue Zahlen vorstellen. Zuletzt waren die Statistiken eher ernüchternd: Vor zwei Jahren lag der Anteil der nicht männlichen Acts bei Festivals und in Clubs bei etwas über 10 Prozent.

Dass diese Szenevertreterinnen an Bord sind und dass mehr Künstler aus Berlin beteiligt sind, sehen auch Anton Teichmann und Michael Aniser als Fortschritt. Beide haben im vergangenen Jahr das Gegenfestival „Off-Kultur“ veranstaltet, in diesem Jahr aber fehle es an Zeit, noch mal unentgeltlich etwas auf die Beine zu stellen. Nun sind sie selbst bei einem Panel beim „Pop-Kultur“ beteiligt – und sehen dies als gute Gelegenheit, Kritik zu äußern.
Zum Beispiel daran, dass eine solvente, senatsgeförderte Institution den örtlichen Veranstaltern Konkurrenz mache. Zum „Pop-Kultur“ geladene Bands und Interpreten wie Smerz, Alex Cameron, Little Simz, Young Fathers und Tasseomancy seien „Teil des üblichen Konzertmarktes – da fischt das ,Pop-Kultur‘ weiter in Gewässern, in denen es eigentlich nichts zu suchen hat“, so Teichmann. Das Geld werde „weiterhin für überteuerte Produktionen verschwendet“, ergänzt Aniser, während zugleich kleine Läden wie das Neuköllner Loophole ums Überleben kämpften. Sicher, es handele sich beim Geld für die „Pop-Kultur“ um zweckgebundene Mittel – dennoch passe das nicht ­zusammen. Von ihrem eigenen Panel erhoffen sie sich: Bewegung. „Uns ging es auch nie um Funda­mentalopposition, sondern darum, etwas ­bewegen zu können“, so Teichmann.

Bewegung gibt es aber auch jetzt schon beim „Pop-Kultur“– und vielleicht zeichnet sich schon ein möglicher Schwerpunkt für die Zukunft des Musicboard ab. Denn beim Eröffnungstalk ist unter anderem Christian Reckmann vertreten, der in diesem Jahr erstmals das „Zurück zu den Wurzeln“-Festival ausgerichtet hat – ein inklusives Festival, das gezeigt hat, wie viel Nachholbedarf die Clubkultur in Bezug auf Menschen mit Behinderung hat. „Da muss in Berlin noch viel mehr passieren“, sagt Katja Lucker. „Für Menschen mit Behinderung gibt es meist nur Partys mit schlimmer Schlagermusik, das ist wirklich furchtbar. Wir ­stehen da noch total am Anfang.“ Dieser Anfang aber ist immerhin gemacht, wie auch die bereits angelaufene inklusive Partyreihe „Spaceship“ im Club Mensch Meier zeigt.

Auf den Prüfstand gestellt, gehört das Festival natürlich weiterhin, allein deshalb, weil neben den rund 660.000 Euro Landesgeldern in diesem Jahr auch noch 500.000 Euro Förderung vom Bund dazukommen. Nach dem „Reeperbahn Festival“ ist die „Pop-Kultur“ somit die bestsubventionierte Popveranstaltung in Deutschland.
Klar ist: Von der Branchenveranstaltung von einst ist wenig übrig geblieben. Der ­inhaltliche Diskurs dominiert das ­diesjährige Programm – verhandelt werden unter anderem die Zukunft der Stadträume, Gleichstellungsthemen und andere gesellschaftspolitische Belange. Zudem bekommt nahezu die gesamte Berliner Subkultur ein Experimentierfeld. Und klar ist auch: Die zuletzt noch so laute Kritik ist etwas leiser geworden. Wie berechtigt und unberechtigt sie war und ist, davon kann man sich im Laufe dreier mit „Pop-Kultur“ vollgestopfter Tage selbst ein Bild machen.

Pop-Kultur 2017 Kulturbrauerei Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, Mi 23.–Fr 25.8., Programm und Tickets unter: pop-kultur.berlin

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