Festival

Pop-Kultur 2018

Lippenbekenntnis oder voller Körpereinsatz? Pop-Kultur geht in diesem Jahr mit gutem Beispiel voran: Inklusiv, integrativ, barrierearm will das Festival sein, auf allen Ebenen. Doch wie funktioniert das konkret?

Laura M. Schwengber (rechts, hier mit Frank Dellé von Seeed) dolmetscht Konzerte so, dass
auch Gehörlose sie „hören“. Foto: Boris Saposhnikow

Marcell Fabian ist wohl das, was man ­einen Fan nennen würde – einen leiden­schaftlichen Fan von Popmusik ­aller Art. „Ich liebe meine Musik über alles“, ist einer der ersten Sätze, die der 37-Jährige sagt, während er in einem Café im Marzahner „Eastgate“ sitzt. Kurz darauf zählt der Berliner mit der leichten geistigen Behinderung auf, welche Festivals er schon besucht hat, welche Bands er mag, in welche Clubs er gerne geht. Etwa ins SO36. Oder in die Alte Feuerwache in Friedrichshain zu den barrierefreien Handiclapped-Konzerten. Doch Barrieren für Menschen mit Beeinträchtigung gibt es leider noch immer an ­vielen Kulturorten in Berlin – und wenn man ­davon spricht, diese barrierefrei zu gestalten, so redet man von weit mehr als „nur“ einem Zugang für Rollstuhlfahrer*innen (obwohl auch der noch vielerorts fehlt).

Erfreulich ist es daher, dass jetzt das Pop-Kultur Festival, das vom senatseigenen Musicboard veranstaltet wird, mit gutem Beispiel vorangeht: inklusiv, integrativ, barrierearm will das dreitägige Festival sein, auf allen Ebenen. Vom Booking über den Einlass bis zur Kommunikation auf dem Gelände der Kulturbrauerei.

Bei den gebuchten Künstler*innen zeigt sich dies darin, dass Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen auf der ­Bühne stehen werden. 21 Downbeat, die Band des Theaters RambaZamba, zeigt die Arbeit „Rausch Royal“; sie ist zusammen mit ­Andreas Spechtl und anderen Künstler*innen entstanden. Auf dem Gelände sollen während des Festivals Icons und Symbole bessere Orientierung bieten, die Pop-Kultur-Website soll überarbeitet, ein Angebot in leichter Sprache geschaffen werden. „Es ist uns ein großes Anliegen, Kultur für alle zugänglich zu machen und Gäste mit besonderen Bedürfnissen besonders zu berücksichtigen“, sagt Festivalleiterin Katja Lucker, „Uns ist es wichtig, Inklusion auf, hinter und vor der Bühne zu fördern.“ Ebenso lege ihr Team Wert auf Internationalität und geschlechtliche Diversität.

Atmosphäre und Sound

Als Barrierenabbauerin ist auch Laura M. Schwengber (Foto) dabei. Schwengber hat eine eigene Disziplin mitbegründet: Sie dolmetscht Popkonzerte für hörgeschädigte Menschen. Die 28-jährige Gebärdensprachdolmetscherin stand schon neben Revolverheld, Tim Bendzko oder Selig auf der Bühne, um Gehörlosen die Texte und die Musik zu übermitteln. Wie sie das macht? Mit Gebärden, Mimik, Lippenbewegungen, mit vollem Körpereinsatz: „Es gibt keine festen Regeln für’s Dolmetschen von Konzerten, das macht es spannend und schwierig zugleich“, erzählt sie am Telefon. „Das einzig Konstante ist, dass ich den Text der Lieder nach gebärdensprachlichen Regeln dolmetsche – der Rest ist frei und spontan.“ Vor allem geht es ihr um Atmo­sphäre und Sound eines Konzerts: „Nimm zum Beispiel den Tim-Bendzko-Song ‚Ich laufe‘. Da passiert textlich wenig. Aber die Emotion, die Tim in die Stimme bringt, versuche ich mit Bewegungen und Gebärden zu transportieren.“

Unterschätzt werde dabei, dass man ­immer auch zwischen der Welt der Hörenden und der der Nichthörenden übersetzen müsse: „Wenn zum Beispiel ein Klingelton des Handys in einem Song vorkommt, der in der Hörendenwelt für etwas ganz Bestimmtes steht, lässt sich das gar nicht so leicht vermitteln“, sagt Schwengber, die im Rahmen des Festivals vier Veranstaltungen dolmetscht.

Wie gehörlose Menschen generell im Club­leben integriert seien? „Wenn ich mit tauben Freunden in Clubs gehe, bleiben wir oft unter uns, weil wir eben doch anders kommunizieren“, erklärt die Dolmetscherin. „Aber immer mehr Leute kommen und stellen Fragen und unterhalten sich. Das ist gut!“

Beim Festival Pop-Kultur hat Diversity-Managerin Elnaz Amiraslani das gesamte Programm von vorne bis hinten auf Aspekte wie Inklusion und Barrierefreiheit überprüft. Ein erster Schritt dabei: Menschen mit Beeinträchtigung überhaupt so ansprechen, dass sie sich mitgemeint, eingeladen fühlen. Dazu nutzt man den Rat von Fachstellen, setzt auf Netzwerke und Multiplikatoren.

Die Bereitschaft, sich beraten zu lassen, ist für Christine Braunert-Rümenapf ein wichtiger Punkt. Sie ist Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung und glaubt, zunächst müsse es ein größeres Bewusstsein für Barrieren geben. „In Theatern und Kinos haben wir zum Beispiel häufig zu wenige oder schlecht gelegene Plätze für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Und wenn es um Untertitelung oder um Audiodeskription für blinde und sehbehinderte Menschen geht, so gibt es die im Theater- und Opernbereich in der Fläche noch viel zu wenig.“

Viele Kulturorte sind privatwirtschaftlich, zum Teil fehle das Geld für einen Umbau – denn Barrierefreiheit kostet. Bei den öffentlichen Institutionen aber könne es sinnvoll sein, „wenn man Kulturförderung an Barriere­freiheit knüpft“, sagt sie. Unabhängig davon habe es zuletzt tolle Entwicklungen gegeben – die Berlinische Galerie, die ihre Sammlung mit einem Tastenmodell für blinde Menschen und einer inklusiven ­Museumsapp zeige, sei so ein Best-Practice-Beispiel.

Musikenthusiast Marcell Fabian freut sich jedenfalls, wenn die oft beschworene „Teil­habe“ und ein Motto wie „Kultur für alle“ nicht nur Schlagwörter bleiben, sondern ­gelebte Praxis. So wie bei den „Spaceship“-Partys im Mensch Meier, da feierten Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen, sagt er. Ideal, wie Fabian findet, denn: „Menschen sind ja alle gleich.“

Boykott bei Pop-Kultur
Same procedure as every year: Wie schon im vergangenen Jahr hat die israelfeind­liche Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“ (BDS) auch in diesem Jahr zum Boykott des Pop-Kultur Festivals aufgerufen. Wieder aus dem Grund, dass einzelne Künstler, die beim Festival vom 15.-17.8. in der Kulturbrauerei auftreten werden, geringe Reisekostenzuschüsse von der israelischen Botschaft erhalten. Bislang sind fünf Acts (u.a. John Maus, Richard Dawson und Shopping) dem Boykottaufruf gefolgt. Mehr Raum als diese Nachricht wollen wir dem unserer Meinung nach antisemitischen Boykottaufruf nicht geben.

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