Festival

Pop-Kultur-Festival 2018 in der Kulturbrauerei

Der Klassiker, der aus dem Club kam – Der Berliner Komponist Henrik Schwarz, ein Star der Neo-Klassik, eröffnet das Festival Pop-Kultur mit den größten Highlights aus der Geschichte der klassischen Musik – allerdings erst, nachdem er sie einmal durch den Mixer gejagt hat

Plunderphonia

Werfen wir mal einen Blick in die ­Zukunft, sagen wir: ins Musikstudio eines Komponisten im Jahre 2050. Anstelle eines begnadeten Genies, das mit zerzaustem Haar am Flügel sitzt und – vom göttlichen Funken oder einer Flasche Absinth inspiriert – noch nie Dagewesenes ausbrütet, sehen wir eine Maschine, die Muster kombiniert und Songstrukturen ausrechnet. Zugegeben: Ein unromantisches, aber nicht unrealistisches Szenario, das zur großen Frage führt: Werden künstliche Intelligenzen die besseren Komponisten sein? Werden Algorithmen an die Stelle der Genialität treten und den Menschen überflüssig machen? „Ich ­glaube, dass solche Programme ­hochinteressante Strukturen hervorbringen können, aber entscheiden, ob das etwas Relevantes ist oder nicht, muss am Ende ja ein Mensch“, sagt der Produzent Henrik Schwarz. „Es könnte eine Kompositionsarbeit der Zukunft sein, nur noch auszusuchen, Kurator zu sein.“
Doch noch haben die Maschinen die Macht nicht übernommen, noch haben sie die Menschen nicht zu Kuratoren degradiert, deren Kreativität einzig darin besteht, Playlists zusammenzustellen. Deshalb zurück in die Gegenwart. Wir schreiben das Jahr 2018 – und nach allem, was wir wissen, ist der in Berlin lebende Musiker Henrik Schwarz kein Roboter und keine künstliche Intelligenz, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut, der am Bodensee aufgewachsen ist und sich als DJ weltweit einen Namen gemacht hat. Mit dem niederländischen Metropole Orkest hat der 46-Jährige gerade das Album „Scripted Orkestra“ herausgebracht und damit an eine Entwicklung angeknüpft, die mit seinem Vorgänger „Instruments“ ihren Anfang nahm und die darin besteht, elektronische Stücke in das Gewand klassischer Orchestermusik zu kleiden.

Gemeinsam Unerhörtes finden

Was mutig ist, da Schwarz ein Autodidakt ist und keine klassische Musikausbildung durchlaufen hat. „Vor sieben Jahren habe ich einen Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr weiterkam mit meinem Selbstlernen. Ich fing an, mich zu wiederholen“, erinnert er sich. Von da an nahm er Klavierunterricht, beschäftigte sich mit Theorie, Orchestrierung und Arrangements. „Ich wollte zum Beispiel wissen: Was macht ein Maurice Ravel? Das war für mich vollkommen undurchschaubar, was dieses Genie da treibt“, so Schwarz. „Ich würde nicht behaupten, dass ich es verstanden habe, aber ich habe jetzt zumindest eine leise Ahnung, wie es gemacht ist.“

Für einen elektronischen Musiker und DJ ist das ein ungewöhnlicher Weg. Unter Produzenten elektronischer Musik sei Theorie noch immer verpönt, zu groß ist die Befürchtung, sich darin zu verheddern und die künstlerische Freiheit zu verlieren. Für Schwarz aber hat sich die Mühe gelohnt: „Es ist sehr schön, als Autodidakt von einem Orchester und einem Dirigenten ernst genommen zu werden. Das gibt mir Selbstbewusstsein.“ Zur Eröffnung des Pop-Kultur-Festivals wird man sich davon überzeugen können: Schwarz wird gemeinsam mit dem Alma Quartet aus ­Am­sterdam eine Auftragsarbeit präsentieren, für die er 700 Streichquartett-Kompositionen durchforstet hat. Die interessantesten Passagen aus mehr als 70 Stücken von Bach, Bartók, Brahms, Debussy, Dvořák, Ravel, Mozart und vielen mehr hat er neu aufgenommen, zerlegt und wieder zusammengesetzt, ­wodurch völlig neue Kompositionen entstanden sind. „Plunderphonia“ nennt sich die Serie in ­Anspielung auf die „Plunderphonics“ des kanadischen Komponisten John Oswald, der mit seinen Klangcollagen Mitte der 80er-Jahre ein ähnliches Ziel verfolgte: die klassische Musik­geschichte zu plündern und ausgewählte Teile älterer Stücke in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.

Damit treibt Henrik Schwarz sein großes Projekt voran: die klassische und die elektronische Musik so zueinanderzubringen, dass sie sich gegenseitig befruchten und gemeinsam Unerhörtes hervorbringen. Für sein Album „Scripted Orkestra“ komponierte er sogar direkt fürs Orchester, indem er sich alle zur Verfügung stehenden ­Instrumente virtuell auf seinen Rechner legte. „Ich wollte Musikstrukturen schaffen mithilfe des Computers, die ein Mensch erstmal so nicht herstellen würde“, sagt er. „Der Zufall, den ein Computer erzeugt, ist viel schöner als der eines Menschen, weil es diese ideale Verteilung von Zahlen gibt. Es ging darum, eine Computerästhetik hörbar zu machen.“ Wie Henrik Schwarz die Technologie nutzt, um neue musikalische Ausdrucksformen zu schaffen, lässt sich an einem Stück wie „Algo­Rhythm“ zeigen: Es lässt sich mit ­einem Finger auf der Klaviatur spielen, alles Weitere macht der Computer in Echtzeit – die Dynamik, die Komplexität, die Verteilung der Instrumente, abhängig davon, wie man die Taste spielt.

Das Album ist kühl und warm zugleich: Es beruht auf virtueller Programmierung, zugleich aber ist es ein echter Klangkörper, ein menschliches Orchester, das die ­Musik ­unter der Leitung des Dirigenten Jules Buckley zum Leben erweckt. „Ein komplexes soziales Gebilde“, sagt Schwarz über das Orchester. Es stehe für eine Kultur des Verhandelns, der Offenheit und des Gesprächs: „Man muss innerhalb der Gruppe einen Ton finden, einander zuhören und mit dem ­Publikum interagieren – das ist gerade heute sehr ­relevant.“ Leider habe die Orchesterwelt den Kontakt zur Gesellschaft verloren, sie sei oft zu rückwärtsgewandt. „Es läuft ja meist alte oder sehr schwierige Musik, zu der nicht mal ich als Nerd einen Zugang finde, was total schade ist. Es gibt aber mehr und mehr Kräfte, die versuchen, eine neue Frische reinzubekommen.“

Wenn wir Orchestermusikern dabei zusehen, wie sie miteinander streiten, sich aneinander reiben, dann lernen wir möglicherweise auch, was den Menschen vom Roboter unterscheidet: Einfühlungsvermögen, Empathie, Energie. „Ich glaube, da gibt es etwas zwischen uns allen, was wir noch nicht entdeckt haben: etwas Magisches, eine Verbindung, die ich einzufangen versuche“, sagt Henrik Schwarz. Sein Stück „You‘re A Fireball“ ist Menschen gewidmet, die eine besondere Energie in sich tragen und die Fähigkeit haben, andere unter Strom zu ­setzen. „Sie begegnen dir überall, an der Kasse im Supermarkt oder in einem Handyshop in Steglitz“, sagt Henrik Schwarz. Seine Musik soll im Grunde genau so sein wie der Handyshop-Verkäufer, den er dort getroffen hat: eine Batterie, die uns mit Energie versorgt, ein Feuerball, an dem wir uns wärmen können. Und das wiederum klingt schon wieder sehr romantisch.

Pop-Kultur in der Kulturbrauerei, Schönhauser Allee 36, Prenzlauer Berg, Mi 15.8. – Fr. 17.8., Tagesticket ab 28 €, Festivalpass 65,40 €, tickets.pop-kultur.berlin

Henrik Schwarz mit „Plunderphonia“: Kesselhaus, Mi 15.8., 20 Uhr

Mehr über Cookies erfahren