Konzerte & Party

Pop-Migranten aus Berlin begeistern die Massen

Culcha Candela

Schon auffällig, wie sich die Musikszene in Berlin seit dem Mauerfall verändert hat. Erst kos­teten Rockmusiker aus dem Osten die neue Freiheit aus und gingen wie etwa Rammstein an vorders­ter Front bis zum Äußersten. Jetzt hört sich alles ganz anders an. Berlin ist in sich homogener geworden und wird dabei immer internationaler. Der Sound der Stadt hat sich angepasst. Er klingt nicht mehr urdeutsch und misan­thropisch, er ist bunt, tanzbar, gefühlvoll, feierlich, frech und strotzt vor guter Laune. Leute mit unterschiedlichem Background kommen zusammen und veranstalten im Studio und auf der Bühne ihren ganz persönlichen Karneval der Kulturen.
Seeed sind die unbestrittenen Vorreiter des Migrantenpop, aber auch Culcha Candela, 2001 gegründet, sind wichtige Schrittmacher. In dieser Band sind nahezu alle Erdteile vertreten, die Mitglie­der haben ugandische, kolumbianische, deutsche, polnische und koreanische Wurzeln. Ihr Anspruch ist eindeutig: „Es gibt keine Grenzen für den Culcha-Sound, denn wir lieben die Verschiedenheit der Stile da draußen. Nicht der Vorzeige-Ausländer-Soli-Verband, sondern der aktuelle Stand von einem neuen Deutschland“, heißt es in ihrem Song „A Who„. Karibische Einflüsse und HipHop spielen auch hier eine große Rolle und vermischen sich mit einer kräftigen Dosis Salsa. Groß heraus kam das Ensemble vor zwei Jahren durch seinen Nummer-eins-Hit „Hamma„, den mit Berliner Schnauze formulierten Antrag an die Miss PlatnumAuserwählte. Nimmt man die acht vorab zur Verfügung gestellten Tra­cks ihres neuen Albums „Schöne neue Welt“ zum Maßstab, drängt sich der Eindruck auf, dass Culcha Candela an Biss eingebüßt und inmitten von Hymnen für Herz und Hintern bequem geworden sind. Ihr Partybus rollt noch unermüdlich, aber er macht jetzt verstärkt an Stellen Halt, wo Gemütlichkeit und Romantik regieren. Aber wer weiß, vielleicht überlegen sie sich beim nächsten Mal ja wieder eine andere Route.
Derlei Notwendigkeit besteht bei Miss Platnum nicht. Sie kommt allmählich voll in Fahrt, wie ihr neues Album „The Sweetest Hangover“ zeigt. Die seit dem achten Lebensjahr in Berlin lebende Deutsch-Rumänin ist Fan von R&B und HipHop, hat aber nach ihrem ersten Album „Rock Me“ gemerkt, dass sie damit alleine nicht weiterkommt. Die Lösung? „Es ist nahe liegend, bei sich selbst zu gucken und nicht bei einer Erykah Badu, die ja von woanders herkommt und eine ganz andere Geschichte hat. Plötzlich wurde mir das Rumänische, das eigentlich immer da war, noch bewusster. Ich habe mir viel Musik aus meiner Heimat angehört und schnell gemerkt, dass ich damit etwas anfangen kann. Allein schon durch die Sprache, aber auch durch die Seele und Emotionalität, die da drin steckt.“ Balkan Beats also. Die Mischung aus urbaner Modernität und traditioneller Folklore. Miss Platnum geht damit jetzt noch einen Schritt weiter. Sie und ihre Produzenten Illvibe/Monk entwickeln einen knallig-bunten und originellen Pop, in dem sogar Elemente aus Bollywood, Songs von Kate Bush („Babooshka“) und der Orchestersound des Belgraders Marko Markovic Platz finden. „Es gab zuerst die Idee, gleich mit einer Band ins Studio zu gehen, aber das wäre dann wohl zu sehr in Richtung Weltmusik gegangen, darauf hatte ich keinen Bock. Das urbane Flair soll bei mir klar erkennbar bleiben. Man soll merken: Balkan und R&B zusammen, das geht doch!“
OhrbootenDie Band Ohrbooten ent­wickel­te sich mehr aus Zufall. Sänger Ben Pavlidis, ein Deutsch-Grieche aus Wedding, und der aus Treptow stammende Gitarrist Matze haben beide eine Punk-Vergangenheit, doch die half ihnen herzlich wenig, als sie sich vor Gründung der Band im Jahr 2003 zuerst als Duo zum Musikmachen auf der Straße verabredeten. „Da kannst du die Leute nicht mit rüdem Sound angiften. Du brauchst etwas, das eine gute Atmosphäre schafft. So kamen wir auf Coverversionen im Reggae-Gewand“, erinnert sich Matze. Der Schlagzeuger Onkel, der aus Hellersdorf stammt und später zur Band kam, war anfänglich wenig begeistert. Er mag es eigentlich grober und spielt bis heute parallel in der Metal-Band Toxon. Bei den Ohrbooten machte er sich zunächst mit dem aus Lateinamerika kommenden Cajуn bekannt, einer Art „Holzkiste“, wie er sagt, die sich besonders gut bei Akustikbands macht. Um Reggae machte er einen großen Bogen – bis er die legendären Wailers auf einem Festival spielen sah. „Der Schlagzeuger hat so laut gespielt, dass man eigentlich keine Anlage mehr brauchte. Er hat geknüppelt, blieb dabei aber leichtfüßig. Aha, dachte ich mir, so geht Reggae also auch: mit Arsch in der Hose.“ Heute schnappen sich die Ohrbooten, was ihnen in den Sinn kommt und in ihren Schmelztiegel passt, egal ob es nun Reggae, Dancehall, Rock, HipHop, Jazz, Salsa oder Orientalisches ist. Ihr Gemisch nennen sie schon seit einiger Zeit „Gyp Hop„, und damit das jeder kapiert, heißt nun auch ihr drittes und bisher bestes Album so. Es enthält Musik von Wandersleuten, die sich beim spontanen Freiluftkonzert auf dem Boxhagener Platz genauso wohlfühlen wie beim Jam auf dem Markt von Marrakesch.
Eines haben alle genannten Mu­siker gemeinsam: Sie wollen keine ausgetretenen Pfade ablatschen. Sie wollen jung und aktuell sein, und dazu gehört es für sie, ein 21. Jahrhundert ohne kulturelle Grenzen zu repräsentieren.

Text: Thomas Weiland

Foto von den Ohrbooten (unten): Sven Hagolani

Ohrbooten „Gyp Hop“, ab Fr 28.8.
Culcha Candela „Schöne neue Welt“, ab Fr 28.8.
Miss Platnum „The Sweetest Hangover“, ab Fr 4.9.

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