Konzerte & Party

Popdeurope Festival 2008

Amparanoia
Ein Festival mitten in Berlin, davon haben schon viele geträumt, Veranstalter wie Musikfans – und entsprechend zahlreich sind Versuche unternommen worden. Insofern hat Bernd Döring, Tausendsassa in musikalischen Fragen, die im Radio unter den Begriff Multikulti gefasst werden, seine Ziele einst vorsichtig formuliert. Es wäre „schön“, sagte er 2002 vor der ersten Runde von Popdeurope, wenn sich das Musikfest eines Tages im Berliner Sommer etablieren würde.

Im siebten Jahr der Unternehmung, bei der im Lauf der Jahre so klingende Namen wie Orishas, Camille, Calexico und Seeed die Sommerzeit verkürzten, lässt sich längst von einer Erfolgsstory sprechen. Auch diesmal geht Popdeurope an den Start, wenn ringsum lange Schrägbalken in den Veranstaltungskalendern eingezeichnet sind und in Zeitungsredaktionen Saure-Gurken-Zeit herrscht. Das Areal zwischen Arenahalle, Badeschiff und Hoppetosse wird dann zur Oase für Daheimgebliebene und Kulturdürstende; wenn dieser Tage Bands aufspielen wie Stereo MCs, Dynamite Deluxe oder Dendemann, dann liegt die größte Popstardichte Berlins fraglos in Treptow, zumindest für drei Wochenenden.


Doch neben bewährten Livekräften hat das Festivalteam sich traditionsgemäß auch auf Bands konzentriert, die vor allem in ihren Heimatländern – in Portugal, Spanien, Frankreich oder Mexiko – gefeierte Größen sind. Chambao etwa, die in ihren Songs Flamenco mit Lounge-Pop fusionieren, sind so etwas wie die andalusische Antwort auf Ich + Ich: Chartkönige, deren aktuelles Album „Con Otro Aire“ seit 70 Wochen in der Hitliste ist. Oder Panteуn Rococу, die mit ihrem Hochgeschwindigkeitsrock mit Ska- und Reggae-Einschlag unlängst ins Vorprogramm der Ärzte gebucht wurden: In Mexico City sind die gesellschaftskritischen Genremixer ungefähr das, was in Berlin die Beatsteaks sind.

Dann wäre da Samuel Martins Torres Santiago Mira, kurz: Sam The Kid. Der 29-jährige Rapper und Soundtüftler gilt in seinem Land als HipHop-Galionsfigur. Dabei war es vor sechs Jahren just ein Instrumentalalbum ohne jede Reimkaskaden, mit dem Mira zum Überflieger der heute blühenden Lissaboner HipHop-Szene avancierte. „Beats Vol 1: Amor“ war ein collagenhaft gefertigter Soundtrack, der sich um die Liebes- und Lebensgeschichte der eigenen Eltern dreht.

Nach Art eines Klangmalers montierte Sam The Kid ein Stück Ohrenkino aus Samples von Telefongesprächen, portugiesischen Vorabendserien, Pornos, Babyschreien und 80er-Jahre-Schallplatten. Die Beastie Boys, deren Instrumentalalbum „The Mix-up“ zuletzt eher verschmäht wurde, dürften jedenfalls ihre Baseballmützen ziehen vor dem Freigeist aus Lissabon. Auf seinem noch aktuellen Album „Practica(mente)“ zeigt sich Sam The Kid schließlich als MC mit unaufgeregtem Sprachfluss, jenseits des Feinripp-Posings des Gangsta-Metiers.

Panteon Rococo
Über den Status des Geheimtipps ist Amparo Sбnchez mit ihrer Band Amparanoia zwar hinaus. Schließlich hängt der weltreisenden Sängerin und Freundin der Americana-Stars Calexico der respektvolle Beiname „Queen des Mestizo“ an; ein Ehrentitel, der auf die Gründerzeit des aus Punk, Rock und karibischen Grooves gebrauten Straßensounds anspielt, der mit Manu Chao zumindest einen Weltstar hervorgebracht hat. Sбnchez spricht von dem Kollegen, der einst eine Art Lehrmeister für sie war, bis heute mit Dankbarkeit: Schließlich sei es Chao gewesen, von dem sie gelernt hätte, die eigenen Besonderheiten und Vorlieben zu entdecken und im Genre-Mix hervorzukehren. Bei der Spanierin war es dann weniger die Liebe zu großen Reggae-Priestern wie Bob Marley, stattdessen besann sie sich auf ihre Vorbilder im Blues und Soul: Diven wie Etta James oder Billie Holiday. So ist es denn auch Amparo Sбnchez’ kräftig angeräucherte Stimme und der volle Brustton, mit dem sie sich über ihr quirliges Akustikorchester erhebt, der Amparanoia zur Mestizo-Truppe mit dem kräftigsten Blues-Einschlag macht. „La Vida Te Da“ heißt das jüngste Album der Band, das zugleich zum Schwanengesang von Amparanoia wurde. Amparo Sбnchez hat ihre Band nach zehn Jahren aufgelöst, dies wird ihre Abschiedstour, ihre stilistische Weltreise setzt Amparo Sбnchez solo fort.


Bei all der Vielfalt im Spielplan, dem Mix aus Genre-Veteranen und Newcomern, wäre es kniffelig, ein Motto zu finden, eine Schlüsselbotschaft, die sinnhaft über dem Festival flattert. Einen Slogan haben sich die Festivalmacher denn auch gespart. Vielleicht haben sie rückblickend auch ein wenig geschmunzelt über frühere Versuche, etwa als auf den Flyern in proseminarhaftem Duktus „Migrating sounds in and out of Europe“ angepriesen wurden. Den Ansatz, sich selbst zu erklären, nehmen die Festivalmacher heute locker. Und überlassen die völkerverständigende Komponente den versammelten Bühnen-Charismatikern in der Arena.

Text: Ulrike Rechel

Popdeurope

mit: Massilia Soundsystem, DubXanne – Police in Dub, Amparanoia, Dendemann, Stereo MCs, Ohrbooten,
Dynamite Deluxe u.v.a.

Arena Treptow, Sa 26.7. bis So 10.8.

Programm und Anfangszeiten


http://popdeurope.arena-berlin.de

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