Konzerte & Party

Popkomm

PopkommDie harten Klänge rü­cken gar zum ersten Mal ins Bewusstsein des Branchentreffens; dafür verwandelt sich der Düster-Club K17 zur Metal Stage und wird vor allem von skandinavischen Bands lang bespielt: von Stonegard, Vreid oder Enslaved und der finnischen Kos­tümtruppe Lordi.
Die Vorstellung, dass sich fußmüde Fachbesucher nach einem Tag mit Panel-Debatten über Downloadpreise oder Musikpauschalen für Handyverträge an die Heavy-Stätte nach Friedrichshain chauffieren lassen, wirkt zunächst mal erfrischend. Dabei liegt das Interesse der Messemacher freilich im Erkennen verkaufsrelevanter Trends. Und als solcher kris­tallisiert sich in Zeiten digitalen Musikkonsums wieder einmal die Nähe zum Fan heraus.

In der gebeutelten Tonträgerindustrie ist es denn auch bezeichnenderweise der Handel mit Tickets und Merchandise, der floriert. Was das angeht, hat Heavy Metal naturgemäß die Nase vorn. Traditionell das Stiefkind der Radio- und Video­kanäle, ist die individuelle Vernetzung die Grundübung der Head­banger-Community; ebenso wie der Kult um Fanware, Bandlogos, Fanzines oder auch Massentreffen wie das Open Air in Wacken – das längst ein weltweit bekannter Pilgerort ist. Dass selbst ohrenbetäubendes Thrash-Gebretter zum Vergnügen für die ganze Familie taugen kann, ließ sich unlängst in der frisch eröffneten O2-Arena beobachten, als dort Metallica einheizten. Die gewohnt geschäfts­tüchtigen Kalifornier hatten denn auch vorgesorgt: Mit Verkaufsständen, an denen man sich das aktuelle Album „Death Magnetic“ in einer klobigen Kiste für 100 Euro mit nach Hause nehmen konnte, die sogenannte Sarg-Edition. Um an die begehrten Tickets überhaupt he­ranzukommen, musste man sich vorab im offiziellen Metallica-Fanclub anmelden. Popkomm
Dass sich mit Fan-Treue viel Geld verdienen lässt, wissen auch Die Ärzte. Als Gesellschafter des florierenden Fanwaren-Herstellers Deutschrock sind Farin Urlaub und Co. hierzulande auch in Merchandise-Fragen Pioniere. Und auch bei der Aufnahme im offiziellen Fanclub fallen, nach Metallica-Vorbild, Jahresgebühren in der Höhe von ungefähr einer CD an. Langsam ziehen die Plattenfirmen nach: Wer sich etwa den Veröffentlichungsplan von Uni­ver­sal anschaut, muss sich zunächst durch einen „Veröffentlichungs“-Reigen an Metallica-
T-Shirts scrollen, bis man zu den eigentlichen Tonträgern vordringt.

PopkommWas möglichst ganzheitliche Verkaufsmöglichkeiten angeht, ist das Popkomm-Gastland Türkei freilich noch in Entwicklung begriffen. Eben deshalb ist das Grenzreich zwischen Orient und Okzident eine spannende Wahl. Kulturschaffende haben das bereits erkannt – wie so oft um ein paar Nasenlängen schneller als die politische Debatte. Eine Pionierrolle nimmt der deutschtürkische Filmemacher und Musikliebhaber Fatih Akin ein, der sich mit Filmen wie seiner Musikdoku Crossing the Bridge als beherzter Verbindungsstifter einsetzt. Auch das Kuratorium der Frankfurter Buchmesse rückt in diesen Wochen bekanntlich die Türkei in den Fokus. Beim Künstleraufgebot der Popkomm zeigen sich denn auch die Wandlungen, die sich im Land am Bosporus zurzeit vollziehen: Im Berliner Festivalzentrum der Kulturbrauerei finden sich Folklore-Ensembles mit traditionellen Instrumenten neben Türkpop-Acts und wagemutigen Grenzgängern, wie beispielsweise die Berliner DJane Ipek oder DJ Pasha, dessen Mix-Stile sich „а la Turka“, „Nu Oriental“ oder „Tech Buka“ nennen – und wohl einen Orient-affinen Mann wie Superproduzent Timbaland neugierig machen dürften.

Neue Strömungen wie diese sind es, die ein Branchenevent wie die Popkomm auch für Leute reizvoll macht, die sich weniger für die Absatzchancen von Schlüsselbändern interessieren als vielmehr fürs Kernthema Musik. Davon gibt es bei der Popkomm jährlich mehr; in den vier Veranstaltungstagen koordiniert die Messeleitung rund 400 Auftritte. Alles mitkriegen kann da keiner; man sollte den sinnlichs­ten Part der Messe also eher nehmen wie ein Glücksspiel: ob die unvergesslichen Nächte nun mit Tricky oder Travis zu erleben sind, mit Françoiz Breut, Raz Ohara oder Lordi oder im White Trash mit der britischen Frauen-Metalband Girlschool, zu deren Fans nicht zuletzt die krisenresis­tenten Motörhead zählen. Die wahren Popkomm-Spektakel werden sich jedenfalls mal wieder jenseits der Podiumsrunden zutragen.

Text: Ulrike Rechel

Tip-Musikredakteur Hagen Liebing berichtet in seinem Blog Live von der Popkomm

 

Popkomm-Festival
Mi 8.10. bis Sa 11.10., Orte und Veranstaltungen siehe Kalenderfunktion;
Kombi-Tagesticket für alle acht Locations der Kulturbrauerei: VVK: 12Ђ; 3-Tages-Kombi-Ticket VVK: 30Ђ

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