Konzerte & Party

„Popkultur geht die Politik nichts an“

Berthold Seliger

tip Haben Sie bereits Geschäftskontakte aufgrund Ihrer Buchveröffentlichung verloren?
Berthold Seliger Nein, gar nicht. Toi, toi, toi. Die positive Resonanz überrascht mich selbst. Ich nenne ja Ross und Reiter und damit macht man sich nicht nur Freunde. Aber selbst Leute, mit denen ich gelegentlich über Kreuz bin, schreiben mir, dass sie es gut finden, wie ich mich mit dem Musikgeschäft auseinandersetze. Es gibt eben eine irrsinnige Unzufriedenheit mit der Art, wie die Dinge derzeit laufen. Der Strudel ist aber sehr stark, man muss ja agieren, man muss ja funktionieren. Und das führt dazu, dass die Leute sich meist nicht die Zeit nehmen, intensiver darüber nachzudenken, was genau falsch läuft und warum.

tip Sie tun das. Und sie reagieren. Zum Jahresende schließt Ihre Agentur nach 25 Jahren.
Berthold Seliger Na ja, ich führe eben eine Änderung herbei, die aus den Überlegungen herrührt, die ich in meinem Buch anstelle. Meiner Firma geht es ja wirtschaftlich sehr gut, andererseits sind die Rahmenbedingungen, unter denen man in einer von den Monopolisten dominierten Musikwelt so eine kleine, der Qualität von Musik verpflichtete Agentur betreiben kann, durchaus schwierig. Also habe ich mich für ein gepflegtes Seitwärts-Entweichen entschieden. Es wird eine Ein-Mann-Firma geben, die ein paar Tourneen veranstaltet, ?die aber vor allem über Strategien der Künstlerförderung und über neue Businessmodelle neu nachdenken wird. Nicht für einen Apparat arbeiten, sondern für Ideen, für Musik, für Künstler. Back to the roots sozusagen.

Berthold Seligertip Wie ist es überhaupt so weit gekommen, dass sich die Verhältnisse umkehrten?
Berthold Seliger Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Eine der Thesen ist: Das sind politische Entscheidungen, wie die Dinge jetzt ablaufen. Und dann habe ich tatsächlich durch Recherche herausgefunden, dass in den USA 1996 dieser große Wendepunkt der Konzertindustrie stattfand, durch eine neue Gesetzgebung, den „Telecommunications Act“, der – vereinfacht gesagt – Crossmedia-Monopole erst ermöglicht hat. Clear Media, die Ursprungsfirma von Live Nation, dem heute weltgrößten Konzertveranstalter, haben bald 120 Stadien gehört, dazu rund 1.000 Radiostationen, Fernsehstationen, Plakatflächenfirmen, Management- und Sponsoringfirmen, mittlerweile sind es selbst Künstler wie Madonna mit ihren 360-Grad-Deals. Und nach meiner Beobachtung haben wir in Deutschland inzwischen ein ähnliches Monopol durch CTS Eventim. Im Ticketing wird die Riesenkohle mit einem reinen Provisionsgeschäft verdient. Während die Konzert- und Tourveranstalter alleine im unternehmerischen Risiko sind, werden die Tickethändler Milliardäre.

tip Ist dieses Drängen von Geschäftemachern auf den Konzertmarkt dem Umstand geschuldet, dass man mit Platten allein nicht mehr viel verdient?
Berthold Seliger Das halte ich eher für einen subjektiven Eindruck. Mick Jagger hat mal gesagt, dass es wirklich nur ein paar Jahre gab in den Neunzigern, in denen Plattenfirmen richtig Geld verdienten, und das war, als die Firmen ihren ganzen Backkatalog noch einmal als CD an die Leute verkaufen konnten, die vorher die LP schon hatten. Ich denke, früher haben die Leute schon immer – historisch gesehen sowieso – vom Konzertgeschäft gelebt, und das ist jetzt eben auch wieder vorrangig.

tip Es gibt aber auch zunehmend kurzfristige Konzertabsagen. Oft aus „logistischen Gründen“. Macht man da nicht eher wegen schlechter Vorverkäufe einen Rückzieher?
Berthold Seliger Ich teile diese Einschätzung. Ich vertrete als Agent die Position, dass man das nur im Notfall machen sollte. Bei Krankheit etwa. Aber „logistische Gründe?“ Was wäre das für ein Volltrottel als Tourveranstalter, wenn er vorher die Logistik nicht geplant hätte! Das ist einfach eine faule Ausrede. Warum sagt man den Leuten nicht ehrlich: Sorry, hat nicht hingehauen. Kommt bitte beim nächsten Mal und kauft die Tickets rechtzeitig, wenn Ihr die Band sehen wollt.

Berthold Seligertip Sie sind seit 2000 in Berlin. Welchen Wandel haben Sie beobachtet?
Berthold Seliger Ich bin ja aus privaten Gründen nach Berlin gekommen, von daher habe ich hier keine besondere geschäftliche Situation gesucht. Was mir in den letzten Jahren aber schon aufgefallen ist, ist, dass die Möglichkeiten Konzerte zu veranstalten abgenommen haben. Speziell durch das Clubsterben im Osten. Es gibt auch schlechtere Bedingungen. Als ich neu in Berlin war, habe ich Open Airs vor der Nationalgalerie veranstaltet. Oder auf der Museumsinsel. Und das ist ja nicht mehr möglich aus politischen Gründen. Auch Berlin kann da sehr provinziell sein. Wenn zwei Leute ein paar Kilometer von einem Open-Air-Gelände wohnen und klagen, dann müssen die Konzerte in der Weltstadt um zehn Uhr zu Ende sein.

tip Das war natürlich Pech, dass ausgerechnet Angela Merkel dort ihre Wohnung hat …
Berthold Seliger Ja, aber du hast das gleiche ja auch bei der Zitadelle. Ich verstehe schon, dass Anlieger ernst genommen werden müssen, aber wir reden ja nicht darüber, dass dort jeden Abend ein Konzert stattfindet. Das sind 15 oder 18 pro Jahr. Neil Young hat das kürzlich bei seinem Auftritt in der Waldbühne thematisiert: „Was ist denn jetzt los? Es ist gerade zehn Uhr, wir können endlich unser Licht anmachen und nun soll das Konzert enden?“ Da würde man sich von den politisch Verantwortlichen mehr Rückendeckung wünschen.

tip Es gibt doch jetzt das Musicboard Berlin…
Berthold Seliger Nun bin ich ja nationaler Tourneenveranstalter, ich beobachte das ein bisschen aus der Distanz. Ich halte diese Einrichtung zu weiten Teilen auch für eine Alibiveranstaltung, aber Katja Lucker, die das jetzt macht, ist auf jeden Fall kompetent, eine gute Frau, vielleicht kann sie etwas bewirken.

tip Wie weit darf Politik überhaupt eingreifen in die Popkultur?
Berthold Seliger Ich wünsche mir möglichst wenig Einfluss. Ich finde, die Popkultur als solche ist ein hybrides Ereignis und braucht Freiräume, wir brauchen keine Politiker, keine Bürokraten und keine Funktionäre, die uns sagen: So machen wir das. Ich glaube allerdings, dass die Politik Rahmenbedingungen schaffen sollte, z. B. in einer Stadt wie Berlin Übungsräume, günstige Mieten. Ich wünsche mir Mindestgagen für die Musiker, eine soziale Absicherung von Künstlern, wie es sie in Frankreich längst gibt. Auch eine nationale Spielstättenförderung tut not, dass wir etwa technisch und baulich gut ausgestattete soziokulturelle Zentren haben. Und dann lasse man gefälligst die Popkultur alleine vor sich hin werkeln, was da passiert, geht die Politik nichts an.  

Berthold Seligertip Wie relevant aber ist eine autonome Musikkultur überhaupt noch in Zeiten, in denen Konzerte sich wie Coca Cola buchstabieren und Wettbewerbe wie Jägermeister?
Berthold Seliger Ich bin alles andere als ein Kulturpessimist,  obwohl das manchmal nicht so wirkt. Ich glaube fest daran, dass zu jeder schlechten Bewegung eine Gegenbewegung existiert. Ich glaube daran, dass interessante Popmusik den Menschen immer etwas gibt, eine Haltung verkörpert, eine Vision für ein anderes Dasein. Ich glaube, dass die Leute erkennen: Es muss mehr geben als diese vorgefertigten Waren, diesen kulturellen Einheitsbrei, den uns die Konzerne der Bewusstseinsindustrie vorsetzen.

tip Kann es aber nicht auch sein, dass die Hingabe zur Musik nur noch Ältere umtreibt?
Berthold Seliger Schwer zu sagen. Das Programm, das ich anbiete, war mal das Programm der eher 30-Jährigen und ist jetzt auch ein wenig das Programm der eher 50-Jährigen, wie ich selber einer bin. Das hat eine gewisse Logik, dass das Publikum von Calexico mit der Band älter geworden ist. Andererseits – wenn man sieht, wie jung und energetisch eine Patti Smith auf der Bühne agiert, wow …

tip Entscheidend ist hier wohl das Publikum…
Berthold Seliger Insgesamt muss man schon sagen, dass Musik laut Konsumforschung für die jungen Leute nur noch an einer eher hinteren Stelle der Prioritäten steht. Das war, als wir jung waren, definitiv anders. Musik war die Nummer eins, war identitätsstiftend, du konntest endlos über die Frage „Beatles oder Stones“ reden. Das ist natürlich heute nicht mehr so. Das merkt man auch bei den Konzerten. Die jungen Leute kommen immer noch, aber das ist ihnen nicht mehr so wichtig, wer da eigentlich gerade spielt. Es ist ja auch eine Frage der Alternativen, wenn du die Konsumwelt ansiehst, in der junge Menschen heutzutage aufwachsen. Es gab früher immer einen Dualismus: Adidas oder Puma, Geha oder Pelikan. Heute hast du 20 Turnschuhmarken und weißt kaum noch, wie das alles konnotiert ist. Und die Konsumindustrie gibt da natürlich kräftig Gas, damit das auch so bleibt. Aber im Großen und Ganzen ist es doch so: Musik gab es immer und wird es auch immer weiter geben. Musik befriedigt ein menschliches Grundbedürfnis und ist aus der Welt nicht wegzudenken, wie Luft, Wasser, Liebe.

tip Amen.
Berthold Seliger (lacht) Pathos, halt dich fest!

Interview: Hagen Liebing

Berthold Seliger „Das Geschäft mit ?der Musik“ Edition tiamat, 352 Seiten, 18 Euro

Lesung: Roter Salon, Di 22.10. 20 Uhr, ?VVK: 5 Euro zzgl. Gebühr

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