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Pothead im Huxleys

Pothead

Metallisches Rattern tönt durchs Büro von Pothead: schnelle Achtelschläge, die allerdings nicht aus dem Studio kommen, sondern von einer Nähmaschine. Brad Kok, Kopf der amerikanischen Vintage-Rocker, bedient das Gerät und beobachtet, wie die Nadel einen leuchtend roten Faden in grauen Filz einsticht – so lang, bis der Schriftzug „Pothead“ lesbar wird. Später bringt der Mann mit der klassischen Siebziger-Rock-Kehle ein Stück Bügelvlies auf und eine ausgedruckte Anleitung, damit Fan weiß, wie man das schicke Logo fest auf die Jackentasche kriegt.
Kok, der vor seiner Zeit als Berliner Kultrocker in einer Werbeagentur in Seattle arbeitete, öffnet eine Schachtel und kramt in einem Haufen bunter Bandlogos – jedes ein Unikat, von ihm persönlich gemacht. Sie entstehen in einem Pothead-Jahr nebenbei: Schriftzüge im Biker-Stil mit „Stars and Stripes“, im Hippie- oder Grunge-Look. „Das hier ist für meine Tochter“, sagt er lächelnd und hält einen farbenfroh bestickten Aufnäher hoch. Der Pothead-Chef, der mit schwarzer Hornbrille und rotem Karohemd eher aussieht wie ein Architekt als ein Rocker, spricht vom bandeigenen Merchandise so leidenschaftlich wie von Songs. Mehr Do-It-Yourself-Ethos geht nicht. Ihren autarken Betrieb namens Janitor Records – bestehend aus Label, Studio, Merchandise und Booking-Agentur – betreibt die Band jetzt schon seit über 20 Jahren per Handarbeit. Kok fungiert als Allrounder, Siggi Bender als Managerin und Bassmann Jeff Moore als Chefgrafiker, der für die einprägsamen Plattencover im retroseligen Americana-Look verantwortlich ist.
Schlagzeuger Robert Puls findet sich ein. Er ist der neue Mann an den Fellen und tritt die Nachfolge von Nicolaj Gogow an. Den hatte nach einer komplizierten Fußverletzung offenbar das Heimweh gepackt, er trommelt nach nur einer Pothead-Platte wieder bei seiner alten Band Knorkator. Dafür brachte er seinen Freund und Kollegen ins Spiel. „Ich wollte erst nur für ihn einspringen, dann hat es sich aber von selbst so entwickelt, dass ich fest geblieben bin“, erzählt Puls. Er hat sich das Jahr über mit dem Pothead-Lebensstil vertraut gemacht und rituelle Fixpunkte lieben gelernt wie das „Potstock-Festival“ in Brandenburg. Einst mit ein paar hundert Besuchern gestartet, pilgern inzwischen 2000 Fans zum Potstock und feiern den Siebziger-geprägten Gitarrenrock des Trios.
„2015 war ein gutes Jahr“, findet Brad Kok. Die Besetzung steht, der Proberaum wurde ausgebessert, die Weichen gestellt fürs neue Album. Der Bandleader spricht gut und gerne deutsch, mit charmantem amerikanischem Einschlag. Fühlt er sich, nach bald 25 Jahren in Berlin als Europäer? „Ich bin durch und durch Amerikaner!“, lacht er. Seine alte Heimat betrachtet der Frühfünfziger bei aller Verbundenheit aber kritisch. In seine Songtexte fließen sarkastische Kommentare zu Themen wie Überwachung und Geldgier ein, nie aber ausbuchstabiert. Heimweh verspürt der Hobbyfotograf vor allem nach der Natur im pazifischen Nordwesten. „Ich bin zwischen Seattle und Vancouver aufgewachsen und hab mich immer besonders wohl in Kanada gefühlt“, erzählt er.
Nirgends aber werden Pothead so verehrt wie in Berlin. So hat das Trio für sein traditionelles Heimspiel gleich an zwei Abenden das Huxleys gebucht. „Das ist das Ergebnis der Arbeit, die vorher in die Band geflossen ist“, sagt Kok. Bei aller Gelassenheit, die der Sänger ausstrahlt, nimmt er nichts auf die leichte Schulter. Schon gar nicht das nächste Album. „Es gibt hunderte Songs, die ich nebenan auf dem Rechner habe, aber davon ist noch keiner fertig“, sagt er offen. Der Besetzungswechsel hat die Arbeiten verzögert, und Puls soll mehr sein als ein Ersatzmann. Vom Bandleader hat er eine CD mit zehn Songs bekommen, möglicherweise die Basis für den Nachfolger des famosen „Jackpot“, auf dem die Gruppe sich vielseitig wie lange nicht zeigte und Black-Sabbath-gefärbten Riffrock neben dunklen Stoner-Rock und Protopunk а la MC5 packte. Das Album erntete sehr gute Kritiken – allerdings wieder mal abseits der breiten Kanäle.
Doch auch im Guerilla-Stil sind Pothead auf Wachstumskurs: Das Publikum wird stetig etwas größer, das Bügeleisen dampft noch. Ein paar große „P“ schafft Kok heute noch.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Marc Bernot

Pothead, Huxleys Neue Welt, Hasenheide 107, Kreuzberg, Fr 15. + Sa 16.1. (ausverkauft) , 21 Uhr, VVK: 30 Euro zzgl. Gebühr

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