Sexschutz

PrEP – das HIV-Medikament

Seit Oktober ist in Deutschland eine Arznei zugelassen, die vor HIV bewahrt: die PrEP. Doch für wen soll das gut sein? Und warum brummt der Schwarzmarkt? Sechs von Emmanuels Freunden, drei Paare, waren innerhalb von zwei Jahren positiv auf HIV getestet worden. „Ich dachte ständig, ich bin der Nächste“, sagt er. Beim Sex konnte er sich nicht mehr entspannen. „Ich hatte mein Vertrauen in Kondome verloren.“

Es gab da ein paar Fälle, in denen ein Gummi gerissen oder im Lauf des Verkehrs „verschwunden“ war. „Als Passiver hast du keine Kontrolle darüber, was der ­Aktive wirklich macht“, sagt der schwule Orchester-­Musiker. Seit Juli 2015 geht es Emmanuel wieder gut; seitdem ist er auf PrEP. PrEP, das steht für Prä-Expositions-Prophylaxe. Ein Medikament, das bei täglicher Einnahme davor schützt, sich mit HIV zu infizieren. In Deutschland ist das Mittel erst seit wenigen Wochen zugelassen.

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Doch das Interesse daran geht gerade durch die Decke. Ein teures Unterfangen, denn eine Monatspackung kostet in Deutschland 820 Euro, keine Krankenkasse zahlt. Die Studien „Ipergay“ und „Proud“ hatten 2015 nachgewiesen, dass PrEP ähnlich gut schützt wie Kondome. Aber eben nur vor HIV; nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten. In den USA ist die PrEP seit 2012 auf dem Markt, 120.000 Menschen sind dort schätzungsweise schon auf PrEP.

Manche Krankenkassen bezahlen sie, wie auch in Norwegen und Frankreich. Heiko Jessen ist Facharzt für Infektiologie, betreibt seine Praxis in der Motzstraße unweit vom Nollendorfplatz und sagt: „An jedem einzelnen Tag bekomme ich gleich mehrere Anfragen von Menschen, die die PrEP verschrieben haben möchten.“ Besonders junge Schwule. „Ich wusste nicht, wie sehr die Angst vor HIV mein Leben bestimmt hatte, bis diese Angst verschwunden ist“, sagt Emmanuel heute.

Früher ratterte sein Kopf oft los: Was war am Wochenende, als er fremdes Sperma auf der Hand hatte? Was hat er mit der Hand danach gemacht? Hatte er eine Wunde im Mund? Ständig überfiel ihn die Furcht vorm nächsten HIV-Test. „Diese Angst hat mich müde gemacht“, sagt er. Inzwischen fühle er sich sicher. „Ich kann bei Dates eine Intimität empfinden, die ich vorher nicht kannte.“ Davor seien Sex-Partner für ihn immer eine potentielle Gefahr gewesen. „Jetzt geht es ums Kennenlernen und nicht mehr darum, herauszufinden, wie riskant der Typ ist.“

Kondome verwendet er bei Negativen, die kein PrEP nehmen, meistens trotzdem. So wie es der PrEP-Hersteller will. Ähnliche Gefühle der Befreiung beschreiben viele, die das Mittel nehmen. Auch die Berliner Drag Queen Pansy: „Ich fürchte mich nicht mehr in diesen Szenarien, die doch vor allem Freude bringen sollten. Mein Sex-­Leben hat sich dramatisch verbessert.“ Die PrEP ermutige zum Dialog und reiße Barrieren ein, die bei Gesprächen über Sex oft mit einhergingen.

Das Stigma rund um HIV sei nämlich nach wie vor sehr real. Sie muss es wissen, leitet sie doch, neben vielen Performance-Projekten, den Gesprächskreis „Let’s talk about Sex and Drugs“. Pansys Erfahrung nach ist die PrEP, anders als in ihrer Heimat San Francisco, noch viel zu wenig Thema in Berlin: „Die Leute sind voller Skepsis und schlecht informiert.“

Wem kann man eigentlich zur PrEP raten? „Hauptzielgruppe sind Männer, die Sex mit Männern haben“ (MSM), sagt Jens Ahrens von der Berliner Aids-Hilfe. „Besonders diejenigen, die häufiger Kondome weglassen. Außerdem Sex-Arbeiterinnen und Sexarbeiter.“ Das Robert-Koch-Institut schätzt aufgrund der Zahl der Diagnosen, dass 2015 in Deutschland 3.200 Menschen mit HIV infiziert wurden; 2.200 davon waren MSM. Wenn Ahrens jemanden in der HIV-Beratung trifft, der öfter keine Kondome nimmt, weist er seit Oktober auf die PrEP als Option hin. Er wolle sie nicht „anpreisen wie Sauerbier“, sondern auch auf die Nebenwirkungen hinweisen. Etwa, dass sich die Nierenwerte mitunter temporär verschlechtern und alle drei Monate untersucht werden müssen. „In den Schulungsunterlagen der Firma steht, dass die PrEP zusammen mit Kondom verwendet werden soll“, sagt Ahrens. Das sei aber widersprüchlich. „Der Hersteller sichert sich damit ab.“ Die PrEP sei doch offen­sichtlich für Menschen gedacht, die das Kondom nicht verwenden. „Manche haben ein Problem in der Anwendung des Kondoms, bei der Erektionsfähigkeit.“

Studien beziffern die so genannten „Condom-associated Erection Problems“ (CAEP) bei 30-50 Prozent aller Männer. Ein Tabuthema. „Andere sagen, sie erleben Sexualität nicht so intensiv mit Gummi“, berichtet Ahrens, „oder empfinden es ­sogar als Barriere. Es ist ja auch eine.“ Andere ließen das Kondom häufiger weg, wenn sie Drogen konsumieren. Bei Sex-Partys auf Crystal Meth zum Beispiel. „Hauptproblem ist, dass die PrEP zwar zugelassen ist, aber nicht finanziert wird“, sagt Ahrens. „Wir wollen als Organisation, die Prävention macht, dass die PrEP bezahlbar und damit breit verfügbar wird.

Sie darf nicht nur einigen wenigen vorbehalten sein.“ Zurzeit ist nur das patentierte Präparat Truvada zugelassen. Das Monopol sichert die hohen Preise. Da PrEP im Grunde nichts anderes ist als zwei von drei Bestandteilen eines regulären HIV-Medikaments, orientieren sich die Kosten an eben diesen Medikamenten. Und die sind in keinen Ländern der Welt so hoch wie in Deutschland und der Schweiz. Wegen der exorbitanten Kosten greifen Leute zu allerlei halb- und illegalen Tricks.

Foto: Benjamin Pritzkuleit
Foto: Benjamin Pritzkuleit

Wie Escort-Boy Sasha. „Manche Stricher“, erzählt er, „ordern sich die Packungen per Internet aus Südafrika oder aus Indien.“ Klarer Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz. Und das sei noch das gute Zeug. „Gefährlicher sind Fälschungen aus Russland.“ Sasha selbst trickst safer: „Ich sag in der Notaufnahme, dass mir beim Sex ein Kondom gerissen ist.“ Dann bekommt man nämlich per Krankenkasse finanzierte HIV-Medikamente. „Von denen nehme ich an einfach nur den Teil, der als PrEP wirkt.“ Das kann nicht im Sinn der Kassen sein. Damit die Packung länger hält, nimmt Sasha die Pillen obendrein nur „on demand“, also an Tagen, an denen er wohl aufs Gummi verzichtet. Der Hersteller rät dringend davon ab. „Was soll ich machen“, sagt Sasha. „Für einmal Spermaschlucken gibt’s hier auf dem Straßenstrich nur 20 Euro extra.“

Für die meisten Sex-Arbeiter ist die PrEP deshalb auch noch gar kein Thema. Prostituierte an der Kurfürstenstraße winken ab: „PrEP? Nee, nie gehört.“ Damit die Bekanntheit steigt, redet auch Emmanuel, der Musiker, im Freundeskreis ganz offen. Alle Negativen in Berlin sollten seiner Meinung nach die PrEP nehmen. „Monogamie ist eine schöne Idee, aber fast jeder geht mal fremd.“ Nur wer wirklich super konsequent Kondome verwendet (und in Berlin kenne er keinen einzigen), könne Emmanuel zufolge sagen, keine PrEP zu brauchen. „Die PrEP bricht Mauern zwischen Positiven und Negative“, sagt er. „ Noch gibt es viele Negative, die Angst vor Positiven haben. Und Positive, die Angst davor haben, Negative anzustecken. Auch viele Negative, die Leute verurteilen, die ohne Gummi ficken. Die denken: ‚Was ist das für eine Drecksau?’“ Kritik kommt übrigens, so sagen es viele PrEP-User, vor allem von denjenigen Heterosexuellen, die selbst keine Kondome verwenden. „Dieses ganze mora­lische Verurteilen wird mit der PrEP verschwinden“, hofft Emmanuel. Positive und Negative seien dann beide auf einer Ebene und für sich selbst verantwortlich.

Ähnlich sieht es Jens Petersen von der Aids-Hilfe: „Wir hoffen, dass die PrEP das öffentliche Bild von HIV verändert. Es nimmt auch viel Druck von Positiven. Und für die Negativen bedeutet das: Auch ein Positiver, der nicht in Therapie ist, kann sie nicht mehr anstecken. Das nimmt viel Druck und Stigma raus.“ Da PrEP-User sich alle drei Monate auf Krankheiten checken lassen müssen, wissen sie übrigens viel besser Bescheid über ihre Gesundheit als die meisten anderen Menschen. Symptomlose Schmierinfektionen bleiben bei anderen häufig länger unerkannt. Die Vereinten Nationen haben sich auf die Fahnen geschrieben, Aids bis 2030 zu beenden.

Die so ­genannten Fast Track Cities, darunter Berlin, wollen es bis 2020 schaffen. „In diesem Zusammenhang muss man auch über die PrEP sprechen“, sagt Ahrens. Bloß wer mit wem? Bei einem Kongress zum Thema kürzlich im Roten Rathaus haben die Vertreter der Krankenkassen jedenfalls alle in letzter Minute abgesagt.

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