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Primal Scream im Bi Nuu

primal_scream_SHOT_08_125-sDas Jahr neigt sich dem Ende zu, und es ist wieder an der Zeit, ein Fazit zu ziehen. Bobby Gillespie muss sich da nicht groß anstrengen. Er hat schon laut nachgedacht. Im Song „2013“ beschwert er sich über das Schicksal der „Sklaven des 21. Jahrhunderts“, das Fehlen einer Gegenkultur, die ungebrochene Dominanz der Ideen Thatchers, Umweltverschmutzung und Kriegsverbrechen. Er redet sich richtiggehend in Rage. Ausgerechnet Gillespie, mag man sich da denken. Ausgerechnet dieser Hedonist und Interpret der Feierhymnen „Loaded“, „Movin’ On Up“ und „Rocks“ schlägt ernste politische Töne an.

Wenn man es sich genauer überlegt, ist es dann aber doch nicht so erstaunlich. Schon auf dem Album „XTRMNTR“ attackierte der Schotte die Regierung und multinationale Konzerne. Schon da klang durch, dass die linke Gesinnung in Gillespies Familie und in Glasgow allgemein abgefärbt hat. Vater Bob war Gewerkschafter und Labour-Politiker. „Sein Vorbild waren die Red Clydesiders, eine radikale Bewegung, die vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg mit Streiks für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Wohnsituation kämpfte und die Regierung in London so beunruhigte, dass die sich gezwungen sah, Soldaten und Panzer nach Glasgow zu schicken, um eine Revolution nach russischem Vorbild zu verhindern“, erzählt Gillespie. An die Protesthaltung von damals knüpft er jetzt mit Mitteln an, die ihm zur Verfügung stehen. Der Mann geht mithilfe der Kraft des Rock ’n’ Roll auf die Barrikaden.   

Das Leben des ewig ranken und schlanken Sängers hat sich in den letzten Jahren verändert. Er ist jetzt 51, verheiratet, hat zwei Kinder, nimmt nach eigener Aussage keine Drogen mehr und zieht auch nicht mehr ständig um die Häuser. Unter diesen Umständen könnte man verstehen, wenn er es mit Primal Scream gemütlicher anginge. Aber dann wurde in Britannien eine konservativ-liberale Koalitionsregierung gewählt, die mit Kürzungen auf dem sozialen Sektor und einer Stärkung des Finanzmarktes sofort alte Wunden aufriss. Diese Entwicklung machte Gillespie fuchsteufelswild und motivierte ihn, das Agitprop-Free-Jazz-Soul-Blues-Psychedelic-Avantgarde-Rock-Album „More Light“ aufzunehmen. Gillespie hat aber nicht nur ein Problem mit David Cameron. Auch an jüngeren Musikern (ver)zweifelt er.

„Ich hatte als junger Kerl Glück. Ich bin mit The Clash, den Buzzcocks, Ramones und Thin Lizzy aufgewachsen und habe sie alle live gesehen. Wenn wir heute zu öffentlichen Anlässen wie den NME Awards gehen, wundern wir uns über die geballte Bürgerlichkeit, die junge Bands ausstrahlen. Es gibt keine echten Persönlichkeiten mehr oder Freaks, die über die Stränge schlagen. Würde man diesen Leuten The Birthday Party, The Cramps, Suicide, The Jesus & Mary Chain oder The Fall vorspielen, bekämen sie wahrscheinlich den Schreck ihres Lebens.“

Einige Gegenbeispiele werden Gillespie womöglich beruhigen. Die Manic Street Preachers lassen wieder mehr Kritik an den Zuständen zu, und die ebenfalls aus Wales stammende Band Future Of The Left hat auch eine Meinung. Gerade hat Schauspieler und Komiker Russell Brand mit seiner Forderung nach einer antikapitalistischen globalen Revolution in den britischen Medien für Aufsehen gesorgt. Es könnte also sein, dass Primal Scream einen Trend angestoßen haben, der 2014 an Bedeutung gewinnt. Das würde die Wichtigkeit, die man dieser Band ohnehin schon zuschreiben muss, noch einmal verstärken.

Text: Thomas Weiland

Primal Scream Bi Nuu, Sa 30.11., 20 Uhr, VVK: 27 Ђ zzgl. Gebühr

Verlosung: 5 x 2 Tickets Eine eine Mail bis zum 28.11. an [email protected], Kennwort: Primal Scream, Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

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