Konzerte & Party

Prince in der Waldbühne

PrinceDie Jahre des Purple Rain sind längst vorbei. Prince ist kein Superstar der Gegenwart mehr, der Hits am Fließband abliefert, überall seine Finger im Spiel hat und im Pop die Führungspersönlichkeit gibt. Im 21. Jahrhundert steht sein Name immer noch für Produktivität, aber nicht mehr für permanente Präsenz. Das hat mit einem Paradigmenwechsel zu tun, der schon länger zurückliegt. Der kleine Mann mit dem großen Ego hatte irgendwann genug von der Gefangenschaft im kommerziellen Kulturbetrieb Musik. Er wollte sich von umsatzgierigen Befehlsgebern in Anzug und Krawatte nicht länger Vorschriften machen lassen. Er wollte uneingeschränkte Verfügungsgewalt über seine Aufnahmen und eine seiner Leistung angemessenere Gewinnbeteiligung. Vor 14 Jahren gelang ihm nach langem Kampf die Abnabelung vom amerikanischen Warner-Konzern. Danach begann die zweite Hälfte seiner Karriere. Prince wurde zur Ich-AG und richtete sich sein eigenes Reich ein.
PrinceDie Musik der Eminenz hatte sich schon länger nicht mehr groß verändert. Eine fundamentale Grundrenovierung seines Sounds im Angesicht des Aufkommens von HipHop und R&B in den Neunzigern kam für ihn nicht in Frage. Er hatte ja seinen eigenen unverwechselbaren Stil. Quelle für neue Inspiration konnte keine Musikrichtung sein, wohl aber das Internet. Prince hatte früh einen Narren an der Möglichkeit des Online-Musikverkaufs gefressen. Natürlich war er auch über die größere künstlerische Autonomie begeistert, die das Netz garantiert. Als sich die Industrie und ihre Vasallen lautstark über die damals illegale Tauschbörse Napster beschwerten, war der Maestro folglich Feuer und Flamme. „Napster ist ein Spiegelbild der wachsenden Frustration über die Art und Weise, mit der Plattenfirmen Kontrolle darüber ausüben, was die Leute hören wollen“, sagte er vor zehn Jahren.
Nun könnte man meinen, dass es für einen Mann wie ihn eine leichte Übung darstellt, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. An Startkapital mangelte es Prince ja nie. Trotzdem scheiterte er mit all seinen bisherigen Internet-Unternehmungen kläglich. 1998 geriet die Veröffentlichung des auf fünf CDs aufgeblähten Sammelsuriums „Crystal Ball“ zum Debakel. Bestellte Kopien erreichten den Kunden erst mit erheblicher Verspätung oder gar nicht. Die Qualität des Materials ließ zu wünschen übrig und stammte in der Mehrzahl von der Reste-Rampe. Nicht viel besser lief es mit den Veröffentlichungen des NPG Music Club, einem Quasi-Online-Label nur für Mitglieder, das 2001 ans Netz ging und 2006 eingestellt wurde. Nur der harte Fan-Kern interessierte sich für Solonummern am Piano, Jazz-Instrumentals und Halbgares von der Halde. Auch die Website lotusflow3er.com brachte nicht den gewünschten Erfolg. Wieder war eine Mitgliedschaft erforderlich, dieses Mal gegen einen Jahresbeitrag von 77 Dollar. Aber Prince und die von ihm beauftragte Firma kümmerten sich nicht richtig um Bestellungen, was zur Folge hatte, dass viele Fans ihre Mitgliedschaft vorzeitig kündigten. Trotzdem wurde ihnen nach einem Jahr ein neuer Beitrag vom Kreditkartenkonto abzogen. Ein gravierender Organisationsmangel. Spätestens da müsste Prince klar geworden sein, dass sich große Entertainer einfach nicht für den Job des Geschäftsmanns eignen.
PrinceIronie des Schicksals: Zwischenzeitlich ist Prince wieder in der verhassten Höhle des Löwen gelandet. Wer als Aufnahmekünstler nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken will, braucht den Konsens und der geht nun mal nur mit dem Know-how einer großen Plattenfirma. Weil unser Thronfolger das rechtzeitig realisierte, sind „Musicology“, „3121“ und „Planet Earth“, drei deutlich an seinen kunterbunten Clubpop-Stil früherer Zeit angelehnte Alben, alle bei Majors erschienen. Prince hatte ihnen die fertig produzierte Musik geliefert, die Firmen veröffentlichten und vermarkteten sie als einmalige Angelegenheit auf Grundlage eines Bandübernahmevertrags. Ein heute weithin gängiges Verfahren, mit es sich aus objektiver Sicht eigentlich gut leben lässt. Trotzdem trickste Prince bei „Planet Earth“ hinter dem Rücken des auserwählten Kooperationspartners Sony Music, indem er dafür sorgte, dass dieses Album in Britannien vor der offiziellen Veröffentlichung gratis der Zeitung „Mail On Sunday“ beilag. So macht man sich Feinde.
Noch hat Prince aber wegen seines blauäugigen Idealismus und kapriziösen Wesens keinen existenzbedrohenden Schaden erlitten. Vor allem als Live-Act bleibt er eine Zugnummer. Sieben Konzerte waren vor drei Jahren in der Londoner 02 Arena angesetzt, in die 20.000 Leute passen. Innerhalb von zwanzig Minuten waren die Tickets zum Preis von etwas über 30 Pfund (inklusive Gratis-Exemplar von „Planet Earth“) weg. Am Ende gab Ihre Funk-Hoheit satte 21 Konzerte (und einem gewissen Michael Jackson damit so ganz nebenbei eine Steilvorlage für sein geplantes Comeback an gleicher Stelle). Schön, dass sich der ewig coole Kauz jetzt wenigstens an einem Abend auch mal wieder Berlin zeigt. Er wird auch im Alter von 52 Jahren das Murellental kräftig rocken, daran besteht überhaupt kein Zweifel.

Text: Thomas Weiland

Foto ganz oben: Amour

Zweites Foto: Sheryl Nieds

Prince, Waldbühne, Mo 5.7., 19.30 Uhr, VVK: ab 83 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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