Konzerte & Party

The Prodigy im Velodrom

The Prodigy

Die Musikszene profitiert immer davon, wenn es eine Band gibt, die die Stimmung richtig anheizt. In den Neunzigerjahren hieß diese Band The Prodigy. Sie verkörperte den Geist illegaler Rave-Partys, nutzte krachende Beats aus Jungle und Hardcore-Techno und machte daraus reißerische Songs, die zu Hits wurden. Das ist lange her, aber man erinnert sich im Moment wieder verstärkt daran. Man orientiert sich zudem an der verspielten Gründerzeit der Dance-Music. Damit kann Liam Howlett allerdings herzlich wenig anfangen. „Mir kommt dieses Revival äußerst ungelegen“, sagt der Chef und Gründer von The Prodigy. „Wir bringen ein neues Album auf den Markt und schon denken einige, wir wollen zu einem günstigen Zeitpunkt unseren Urväter-Status ausnutzen. Das ist völliger Blödsinn. Diese Band hat ein Eigenleben und orientiert sich nicht an einer Kopie von Stilen, die für uns früher einmal interessant waren.“
Howlett geht es um die Steigerung der Intensität. Dieses Ziel hat er mit dem neuen Album „The Day Is My Enemy“ fürwahr erreicht. Es hört sich fanatisch und brutal an. So ein Ergebnis erreicht er aber nicht über Nacht. Zum wiederholten Mal musste man lange auf die Veröffentlichung neuen Materials warten. Sechs Jahre lang. „Es frustriert uns manchmal ja selbst, dass es nicht schneller geht. In den letzten zehn Jahren haben wir uns deshalb zwei Mal aufgelöst. Wir müssen erst den Punkt erreichen, an dem der Hunger wieder da ist und wir alle voll auf einer Wellenlänge liegen.“ Howlett weiß aber schon genau, dass er der Hauptauslöser für alles ist. Wenn er voll bei der Sache ist, erhöhen sich die Chancen, dass ihm Shouter Keith Flint und MC Maxim folgen. Den entscheidenden Durchbruch erlebte Howlett nach Verlegung des Arbeitsschwerpunkts. „Ich bin ein echter Nachtmensch, das hat sich dieses Mal wieder einmal bestätigt. Als wir mitten in der Produktion steckten, spürte ich, dass ich mich noch mehr pushen musste. Also ging ich erst um sechs Uhr abends ins Studio und machte bis zum Morgengrauen durch. So konnte ich die letzten 25 Prozent aus den Tracks herauspressen.“
The Prodigy haben in diesem Fall auch Komplizen mit an Bord genommen. Überraschend ist im ersten Moment die Zusammenarbeit mit Jason Williamson, der sich als eine Hälfte von Sleaford Mods eigentlich mit primitiven Produktionsmitteln auf DIY-Basis zufriedengibt. Nach einer kurzen Phase des Kennenlernens war Williamson aber schnell klar, dass Howlett und er Brüder im Geiste sind. „Ich wollte schon die ganze Zeit mal meine Abneigung darüber zum Ausdruck bringen, wie die Leute in den Clubs verarscht werden. Da wird zum Beispiel ein Riesenwirbel gemacht, wie toll das Nachtleben auf der Insel Ibiza sei, aber wenn man genau hinhört, entdeckt man dort nur DJs, die vorproduzierte CDs abspielen und sich dafür selbst hinter den Plattentellern abfeiern. Jason hat das verstanden. Wir haben uns ein paar Mal unterhalten, dann schickte ich ihm die Beats und er fand genau die richtigen Worte und den richtigen Tonfall.“ So wurde der Track „Ibiza“ Teil eines rebellischen Rundumschlags, wie er für The Prodigy typisch ist. Die Welt braucht so ein Kraftpaket auch – gerade in einer Zeit, in der man den Eindruck hat, dass nicht wenige elektronische Produzenten ihre Musik unter dem Einfluss von Schlafmitteln kreieren.

Text: Thomas Weiland

Foto: Paul Douglas

The Prodigy, Velodrom, Paul-Heyse-Straße 26, Prenzlauer Berg, ?Sa 11.4., 20 Uhr, ?VVK: 45 Euro zzgl. Gebühr

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