Festival mit Disco

Puschenfest 2018 – Tripmaster für Stubenhocker

Klaus Johann Grobe haben die schrägste Eskapismusplatte der Saison gemacht. Jetzt spielen sie beim hochkarätigen Puschenfest

Klaus Johann Grobe, Foto: Manu Meyer

Klassischer Clubfehler: Da stampfst du gerade noch selig und dumm im Viervierteltakt, kommst kurz ins Grübeln – zack, schon verpasst dir die Schwermut einen Kinnhaken. Mitten auf der Tanzfläche! Wer schon immer ein Wort suchte für dieses jähe Weltschmerzgefühl im Partytaumel, dem leisten Sevi Landolt und Dani Bachmann nun Abhilfe: Nennen wir’s „Discogedanken“, so wie das Duo Klaus Johann Grobe in seinem gleichnamigen Song. „Gestern das Los, heute das Ende bloß”, reimen die beiden endzeitgestimmt, begleitet von flirrenden Arpeggios und einer locker aus der Hüfte gespielten Bassgitarre, in der ersten Single ihres neuen Albums „Du bist so symmetrisch“.

Vier Jahre ist es her, da glückte Klaus Johann Grobe mit ihrem Debütalbum „Im Sinne der Zeit“ der Sprung von der Underground-Band zur kleinen, feinen Sensation – mit freundlicher Unterstützung von Bands wie Temples und The Growlers, die das Duo damals mit auf Tour nahmen. Von der Konkurrenz im Retrogeschäft unterschied Klaus Johann Grobe schon damals die Maxiportion Schrulligkeit, die sie ihrem Sound zwischen spacigem Krautrock, Disco und Funk beigaben.

Dani Bachmann und Sevi Landolt sind Tripmaster für Stubenhocker, Discohelden für Tanzwillige mit zwei linken Füßen. Vor allem aber sind sie eins: nicht nachtragend. Sonst wären sie sicher böse darüber, dass die Autorin dieses Textes zum Interviewtermin im Lichthof eines Berliner Hotels zweimal an ihnen vorbeihastet, weil sie nach Schlagzeuger Dani Bachmanns glattem Pagenkopf Ausschau hält. Der war quasi sein Markenzeichen gewesen, aber Überraschung: „Ich hab mir eine Dauerwelle machen lassen!“, sagt Bachmann grinsend zur Begrüßung.

Nicht nur frisurentechnisch ist nun einiges anders bei Klaus Johann Grobe. Die Hammond-Orgel, auf den ersten beiden Platten ein prägendes Instrument, ist weg; stattdessen gibt das Duo der Gitarre mehr Raum und fährt so mächtige Synthesizer auf, dass man sich an Metronomys Ausflüge an die „English Riviera“ erinnert fühlt. Auch verhandeln die Texte expliziter als bislang die Krisen unserer Zeit – was nicht bedeutet, dass bei Klaus Johann Grobe kein Platz mehr für Uneindeutigkeiten ist, wie schon der Albumtitel „Du bist so symmetrisch“ beweist. „Man versteht den Titel sofort, aber eben auch gar nicht. Deshalb ist er so pointiert“, sagt Bassist und Keyboarder Sevi Landolt.

Schon immer texteten Klaus Johann Grobe mit sperrigen Zeilen gegen die Tanzbarkeit ihrer Songs an: „Dann lass’ uns doch ein Fleisch drauf tun / Ein schönes Schnitzel wär’ doch was / Und dazu all die Bäuche sehn’ / Und komische Frisurenpracht“, hieß es etwa im Stück „Ein guter Tag“ vom letzten Album „Spagat der Liebe“. Wie kommt man auf so einen, mit Verlaub, fantastischen Unsinn? Bachmann kramt in der eigenen Biografie. Erst mit vier Jahren habe er angefangen zu sprechen, erzählt er. „Bis heute steht die Sprache ein bisschen neben mir, sie fühlt sich nicht wirklich natürlich an, eher konstruiert. Deshalb gehört das Spielen mit Sprache für mich immer zum Texten“, sagt er. Das Seltsamkeitslevel der Songs steigert der für deutsche Ohren eigenwillige Dialekt der beiden Schweizer: Wenn Landolt über seine Partygewohnheiten spricht (keine Drogen, Clubbesuche am liebsten spontan) sagt er nicht etwa „feiern” – sondern „in den Ausgang gehen“.

Obwohl es auf „Du bist so symmetrisch“ sogar Gitarrensoli gibt, bleiben Klaus Johann Grobe wunderbar atypische Rockmusiker. Und doch war zumindest Bachmann schon früh klar, dass es ihn auf die Bühne zieht. „Ich hab’ schon im Kindergarten gesagt, dass ich Schlagzeuger werden will. Und nun mache ich das immer noch – ich hab’ einfach keine bessere Idee!“, sagt er. Andere Karrierepläne hatte in diesem Alter Landolt. Der sei in einer ziemlich links tickenden Familie aufgewachsen und habe schon früh Debatten über Politik aufgeschnappt. „Mit sechs oder sieben – ich weiß das so gut, weil meine Eltern es mir immer wieder erzählen – habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich zu Geld kommen kann“, erzählt er. „Und meine Idee war, einen Fahrradladen zu eröffnen. Ich stellte mir vor, kaputte Fahrräder einzukaufen oder gratis zu bekommen, dann wollte ich Asylbewerber einstellen, um sie zu reparieren – und gleichzeitig vom Staat Geld kriegen, weil ich sie integriere. Dann die Fahrräder teuer weiterverkaufen.“ Landolt schüttelt den Kopf über sein sechsjähriges Ich. „Das ist gleichzeitig brillant und ganz, ganz schrecklich!“

Wer hätte gedacht, dass auch Sound-Nerds wie Klaus Johann Grobe ihre pragmatischen Phasen hatten? Gut, dass Sevi Landolt und Dani Bachmann heute anders über die Welt nachdenken; sonst wäre die Welt um Wortneuschöpfungen wie „Discogedanken“ ärmer. Und um die schrägste Eskapismusplatte der Saison sowieso.

Festsaal Kreuzberg Am Flutgraben 2, Treptow, Puschenfest Fr 16.11. + Sa 17.11. mit U.S. Girls, Scout Niblett, Circuit de Yeux, Saba Lou, Girl Ray u.v.m., Kombiticket ab 38,50 €; Tagesticket 22 €; Auftritt Klaus Johann Grobe am Sa 17.11.

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