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R.E.M.: „Collapse Into Now“

R.E.M.: Collapse Into NowSie wären gern, wie die Ramones waren, unbeirrt sich selbst genug. Doch da sind diese Ambitionen, die man sich schuldig ist, wenn man das College besuchte, jener Hang zur Formwandlung, den Radiohead kultivieren. So geben sich R.E.M. in ihren Werken seit vielen Jahren stadtneurotisch, verhängnisvoll geschwätzig oder in Selbstreflexion versunken alles meidend, was nach heilsamer Melodie klingt, nach freiem Flug, nach alten Stärken. Das anämische „Around The Sun“ oder das aufgekratzt rockende, aber per Kompression brutal kastrierte „Accelerate“ sind traurige Mahnmale für fehlgeleiteten Anspruch. Anders ist eben nicht automatisch für das Volk (if you excuse the pun).
Eine Erkenntnis, die auf „Collapse Into Now“ beherzigt wurde, zumindest bei einigen Tracks. „All The Best“ kickt, „Mine Smell Like Honey“ evoziert das Ende der Welt, wie wir sie kennen, und „Überlin“, so aufgesetzt dieses Wortspiel auch sein mag, punktet mit dramaturgischem Elan und einer Eingängigkeit, die R.E.M. einst aus dem Ärmel zu schütteln schienen, in jüngerer Zeit jedoch schmerzlich vermissen ließen.
„I don‘t mind repeating / I am not complete / I have never been the gifted type“, lügt Stipe, den Nachweis liefernd, dass er nur innere Verklemmungen lösen muss, um seinen wahren Talenten Geltung zu verschaffen.
Beileibe nicht alles schlägt Funken auf der teilweise in den Berliner Hansa Studios deutlich räumlicher als „Accelerate“ aufgenommenen LP, manches glimmt bloß. An Abwechslung mangelt es jedoch nicht, hier und da bricht sich schiere Spielfreude Bahn. Erfreulich auch, dass sich die Gastvokalisten Eddie Vedder, Patti Smith und Peaches, sonst ja eher aufdringlich, manierlich einfügen. Schade dagegen, dass Mike Mills, dessen beseelt-ausgefranste Harmonies oft den Unterschied ums Ganze machen, nicht öfter zum Zug kommt. Die Texte? Eloquenz neben Pennäler-Poesie. Nein, „Collapse Into Now“ ist nicht das erhofft großartige Spätwerk, aber es indiziert die Möglichkeit, dass R.E.M. dies noch in sich haben. Immerhin.

Text: Wolfgang Doebeling

tip-Bewertung: Annehmbar

R.E.M., Collapse Into Now (Warner)

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