Konzerte & Party

Rammstein spielten in der O2 World

Rammstein (c) Claudia Antony

Meinen skurrilsten Rammstein-Moment hatte ich vor rund fünf Jahren am Alexanderplatz. Im Schaufenster des „Innova“-Marktes – einst „Fresswürfel“, heute „Hofbräu München“ – nahm ich überrascht Sänger Till Lindemann wahr. Hinter der Scheibe sah er sich gewissenhaft in einer Kücheneinrichtung um. Ich war gebannt. Würde jetzt gleich die Mikrowelle explodieren, würde der Rock-Titan die Schleiflackplatten mit dem Flammenwerfer malträtieren? Nichts dergleichen. Lindemann stand und prüfte. Später verwies Bandkollege Paul Landers angesichts dieser Anekdote auf den Umstand, dass Rammstein ja auch nur Menschen seien, die müssen eben auch mal eine Küche kaufen.
Was dann aber auf der Bühne geboten wird, macht schon einen Unterschied: Da köchelt nichts, da wird heiß angebraten. Beim innerhalb eines Monats vierten ausverkauften Konzert in der O2 World grillt Lindemann nicht nur zu „Mein Teil“ mit besagtem Flammenwerfer, es geht auch gemeinhin recht roh zu. Rammstein stellen diesmal kein wirklich neues Album vor und die Show ist kein  Gesamtkunstwerk, wie man es eigentlich bei diesem wuchtigsten deutschen Theaterensemble so schätzt. Rammstein spielen ihr Best-Of Album „Made In Germany“. Das strotzt zwar vor Knochenbrecher-Hits, wird aber in der Live-Darstellung eher zur Nummernrevue, die zunächst erschlägt, aber schnell die sonst atemberaubende, dramaturgisch geschickte Inszenierung aus deutscher Romantik und fataler Feuersbrunst vermissen lässt. Nun fliegen einem bei fast jedem Hit gleichermaßen Raketen um die Ohren, werden Böller gezündet und lodern Flammensäulen gen Hallenhimmel. Dankbar nimmt man Stücke wie „Sonne“, „Ohne Dich“ oder „Mutter“ entgegen; da schwelgt Lindemann dann auch mal, der Sänger, der als Golem über die Bühne stelzt oder auch als röhrender Hirsch direkt dem großelterlichen Ölbild entstiegen zu sein scheint. Schön auch, wie er als größtmögliche Jahresendzeitfigur mit flammendem Flügelgestell so kurz vor Weihnachten den „Engel“ gibt. Da finden Seele und Sehnen kurz Entspannung, ehe das nächste Doppel-Gitarrenbrett von  Paul Landers und Richard Kruspe auf uns herab schmettert. Auch gut gelingt der Ausflug der Musiker auf eine Minibühne mitten im Publikum, ein bei Stadionkonzerten inzwischen üblicher Programmteil, der oft sämig-unplugged durchgeführt wird. Hier aber stehen sechs Mann zusammengepfercht, wie auf einem Rettungsfloß im strömenden Menschenmeer, dreschen auf ihre Instrumente und Leiber ein und zeigen, dass Rammstein mehr sind, als nur ein großer Knalleffekt.
Und dennoch: Das Hit-Feuerwerk kennt man eben schon, und auch das Feuerwerk zu den Hits. Immerhin aber ist dies eine souveräne Kampfansage an jene, die schon seit Monaten Polenböller und Chinakracher horten. Denn das macht Rammstein so schnell keiner nach: Silvester haben sie kurzerhand auf den 15.?Dezember vorverlegt.

Text: Hagen Liebing

Foto: Claudia Antony

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