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Regisseur Olivier Py über ­Meyerbeers Le Prophète und sein ­Doppelleben als Drag Queen

Foto: Carole Bellaïche

tip Herr Py, Meyerbeers große Oper „Le ­Prophète“ wird selten gemacht. Warum?
Olivier Py Der wichtigste Grund war Antisemitismus. Seit Anfang des 20. Jahrundert verschwanden alle Werke Meyerbeers von den Bühnen – auch in Paris – und wurden gegen Wagner ausgetauscht. Das betraf auch andere Komponisten wie etwa Halévy. Ein zweiter Grund: Alles in „Le Prophète“ ist riesig. Die Geschichte, das Personal, die Länge. Freilich, wenn wir „Parsifal“ schaffen, können wir auch „Le Prophète“ ­machen.

tip Einigen erscheint Meyerbeer als eine Art Proto-Wagner – als jemand, den Wagner ausbeuten und zugleich überwinden konnte.
Olivier Py Das ist richtig in dem Sinne des Witzes, dass „Rienzi“ die beste Oper von Meyerbeer ist. Ihm schuldet Wagner viel. Aber Meyerbeer ist ebenso ein Proto-Verdi und ein Proto-Berlioz. Weil er Dimensionen erweiterte und viele gute Ideen hat. Vor ihm gab es keinen Heldentenor. Verdi hätte Azucena im „Trovatore“ nicht ohne Fidès im „Prophète“ schreiben können.

tip Haben wir heute zu viele Propheten – oder zu wenige?
Olivier Py Zu viele falsche. Der Fundamentalismus, also die Grundlage für religiöse Propheten, war vor 20 Jahren noch kaum ein Thema. Im ­„Prophète“ allerdings geht es mehr um Machtmissbrauch – ohne romantische Beigaben wie sonst. Der Held Jean de Leyde ist ein armer Kerl, der den Propheten nur vortäuscht. Ein Ausgestoßener, verbittert und verarscht. Es gab in der Kulturgeschichte auch echte Propheten. Ich würde vielleicht Jean Genet dazu rechnen, und gewiss Arthur Rimbaud. Auch Nietzsche mag einer gewesen sein.

tip Sie entstammen dem französischen Theater, von dem man in Deutschland – außer Patrice Chéreau, Ariane Mnouchkine und Yasmina Reza – nicht allzu viel weiß. Wen sollte man kennen?
Olivier Py Den Dramatiker Jean-Luc Lagarce. Ebenso die Regisseure Joël Pommerat und Vincent Macaigne. Wir kennen in Frankreich schließlich auch Thomas Ostermeier und Frank Castorf.

tip Sind Sie ein typisches Beispiel des franzö­sischen Theaters?
Olivier Py Nein. Es liegt daran, dass ich mich zunächst als Autor, erst dann als Regisseur verstehe. Seit 30 Jahren habe ich ­außerdem einen Drag-Charakter, bin auch als Cabaret-Sänger ­unterwegs. Ich trete vielleicht 25 Mal im Jahr auf. Das ist vermutlich eher ungewöhnlich für jemanden, der nebenbei das Theaterfestival von Avignon leitet.

tip Als Drag Queen heißen Sie „Miss Knife“ – ein eher bescheidener Namen, gemessen an Chi Chi LaRue oder Laganja Estranja.
Olivier Py Das liegt eben daran, dass der Charakter von mir als Autor erfunden wurde. Ursprünglich handelte es sich um eine Messerwerferin. Jetzt ist sie zu alt dafür.

tip Werden Sie im „Prophète“ mitspielen?
Olivier Py Das würde ich höchstens bei einer Wiederaufnahme ­wagen. Mein Drag-Charakter ist eher „ugly funny“. Ich singe Tenor – aber ohne die hohen Töne.

tip Am Ende von „Le Prophète“ geht die Burg von Münster in Flammen auf. Ist das der kostspieligste oder der billigste Effekt Ihrer Inszenierung?
Olivier Py Eine bisschen Nebel, und die Sache hat sich. Das Geld war einfach schon ausgegangen. Übrigens bestand einer der antisemitischen Vorwürfe gegen den „Propheten“ darin, er sei zu teuer. Wir sind billig.

Deutsche Oper So 26.11., 17 Uhr, Do 30.11., 18 Uhr, So 3.12., 17 Uhr, Sa 9.12., 18 Uhr, Sa 16.12., 18 Uhr,Karten 39–170 €

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