Konzerte & Party

Resident im Berghain: Ein Interview mit DJ Norman Nodge

DJ Norman Nodge

Anlässlich seiner auf dem OstGut-Label veröffentlichten Kompilation „Berghain 06“ lädt er am Samstag, den 10.November zur Record Release-Party ins ehemalige Heizkraftwerk in der Nähe des Ostbahnhofs.

tip Norman, Ihre gerade auf Ostgut veröffentlichte Kompilation fällt durch eine ausgefeilte Sound-Dramaturgie auf. Handelt es sich bei der CD eher um Musik für zu Hause oder spiegelt diese durchaus Ihre Club-Sets wider?
DJ Norman Nodge Ich nehme das mit der ausgefeilten Dramaturgie mal als Kompliment, danke! Beim Zusammenstellen der Tracks bin ich meinem Bauchgefühl gefolgt. Wenn ich Platten für einen Auftritt vorbereite, gehe ich ähnlich vor. In gewisser Weise gibt die CD deshalb schon wieder, was man zu hören bekommt, wenn ich im Club auflege. Natürlich ist die CD auch dafür gedacht, dass man sie zu Hause, im Auto oder sonst wo hört. Dort hat man auch den Vorteil, dass man vor- oder zurückskippen kann, wenn man einen bestimmten Titel hören oder nicht hören möchte. Wobei ich selbstverständlich empfehle, die CD tatsächlich von vorn bis hinten an einem Stück durchzuhören. So gut ein einzelner Titel auch sein mag; man hat es sonst schwer, in den Flow zu gelangen.

tip Welche Kriterien muss in Ihren Augen ein gutes Set erfüllen?
DJ Norman Nodge Es muss spannend sein. Erwartungen müssen gleichzeitig erfüllt und enttäuscht werden. Der DJ muss ein Händchen dafür haben, welcher Track in welchem Moment auf die Tanzfläche passt. Ein gutes DJ-Set funktioniert nicht ohne ein Publikum, das offen und bereit ist, auch mal zu Sachen abzugehen, die es noch nicht kennt. Es geht jetzt nicht um einen skurrilen Wettkampf, wer es schafft, den verrücktesten Track zu spielen, bei dem die Leute trotzdem noch tanzen. Aber man darf nicht zu sehr auf Nummer sicher gehen. Dann wird ein Set zu glatt und langweilig.

tip Die BPM-Rekordjagd spielt aber keine große Rolle mehr?
DJ Norman Nodge Das Thema „schneller, härter, krasser“ ist ja eigentlich schon seit den 90ern durch. Wobei Härte und Geschwindigkeit nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen. Inzwischen schien mir die BPM-Rekordjagd eher in die umgekehrte Richtung zu gehen. Ich hatte eine Weile fast das Gefühl, dass es verpönt ist, schneller als 125 BPM aufzulegen. Eine Menge Technoplatten waren und sind deswegen auch sehr langsam. Für viele ist der so genannte „Berghain-Techno“ dadurch gekennzeichnet, dass –wenn man es mal so umschreiben will – Techno-Platten auf House-Geschwindigkeit gespielt werden. Das war auch eine Erwartung, die ich bei der Mix-CD bewusst nicht erfüllen wollte. Der Mix ist stellenweise ziemlich schnell.

tip Sie gehören seit Eröffnung des Berghains zu den Resident-DJs. Wie haben sich Club und Publikum über eine Dekade hinweg verändert?
DJ Norman Nodge Das Berghain ist sich in den letzten zehn Jahren treu geblieben, ohne dabei auf der Stelle zu treten. Veränderungen haben sich insbesondere durch den immer weiter wachsenden Bekanntheitsgrad des Clubs ergeben. Die Schlange am Einlass wurde immer länger, ebenso die Dauer der einzelnen Veranstaltungen. Während zur Zeit der Eröffnung des Clubs der Sonntag am frühen Nachmittag ausklang, geht es heutzutage für einen Teil des Publikums dann erst richtig los. Möglicherweise weil dann der Großteil der Feiertouristen wieder aus den heiligen Hallen verschwunden ist. Diese Entwicklung hat sich nach und nach ereignet, und ich finde sie auch nachvollziehbar. Warum sollte man den Laden am Nachmittag schließen, wenn er noch voll ist? Schwierig finde ich dann aber Bemerkungen von Gästen wie z.B., dass es „nur“ bis 18 Uhr gegangen sei. Für einen Teil des Publikums scheint die musikalische Qualität bzw. die Qualität des Club-Erlebnisses zwangsläufig von der Dauer eines DJ-Sets oder davon abzuhängen, dass erst Montagmorgen Schluss ist. Das finde ich schade. Unterm Strich sind für mich die Abende im Berghain nach wie vor großartig. Da hat sich in den vergangenen vielen Jahren nichts abgenutzt.

tip Sie gehen einer geregelten Tätigkeit nach? Woher nehmen Sie am Wochenende die Energie noch einmal die Plattenkiste zu packen?
DJ Norman Nodge Die meisten meiner Kollegen haben neben dem reinen Auflegen auch noch diverse andere Dinge um die Ohren. Auch wenn es dabei oft um Musik geht, wie z.B. beim Produzieren oder dem Betreiben eines eigenen Labels, würde man ihnen Unrecht tun, zu sagen, dass sie keiner geregelten Tätigkeit nachgingen. Ich ahne, dass Sie darauf ansprechen, dass meine „normale“ Arbeit für einen DJ in den Augen der meisten Leute eher ungewöhnlich ist. Ich finde das nicht, ich bin kein Exot. Für mich ist das Auflegen immer noch ein Ausgleich zu meiner Arbeit. Ich weiß, der Vergleich hinkt, aber auch andere Leute haben Ehrenämter, gehen zum Sport oder machen als Hobby Musik jeglicher Art. Insofern ist der Energie-Aufwand, am Abend die Plattenkiste fürs kommende Wochenende zu packen oder sich ins Flugzeug zum nächsten Gig zu setzen, noch erträglich.

tip Sie sind auch Familienvater. Was sagen Ihre Kinder zum DJ-Papa? Können sie mit Techno etwas anfangen?
DJ Norman Nodge Wenn ich unterwegs bin, bekommen die Jungs in erster Linie mit, dass ich dann einfach nicht da bin. Hoffentlich werfen sie mir das später nicht irgendwann mal vor. Mein 3-Jähriger macht sich über mein DJ-Dasein ansonsten noch keine großen Gedanken. Meine beiden großen Söhne finden das schon etwas spannender, aber auch nicht in übertriebenem Maße. Zu Hause hören wir relativ selten Techno. Und wenn so etwas läuft, animiert sie das vor allem zu wildem Tanzen. Das artet dann gern auch mal aus, so dass ich dann aus erzieherischen Gründen die Musik wieder leiser machen muss.

tip Wie begann bei Ihnen die Liebe zur elektronischen Musik? Ging es mit Detroit und Chicago los oder gab es etwas zuvor?
DJ Norman Nodge Nein, davon hatte ich vor der Wende noch überhaupt keinen Plan. Es fing mit Depeche Mode, Anne Clark und anderen Sachen in dieser Richtung an, die damals auch in der DDR ziemlich populär waren. Ab 1990 begann ich dann Platten zu kaufen und bin dabei dann recht schnell auch regelmäßig im Hardwax gelandet. Und irgendwie haben die ihren Job da ganz gut gemacht und meinem Musikgeschmack einen Impuls in die richtige Richtung gegeben. So fand ich die Sachen aus Detroit und Chicago recht bald spannender, als vieles andere aus der Zeit.

tip Gerade in Berlin gehen Produzenten elektronischer Musik und Protagonisten aus dem Klassik-Bereich aufeinander zu. Was eint die beiden Stile? Zumindest historisch gab es z.B. mit Cage oder der musique concrйte immer wieder Annäherungen.
DJ Norman Nodge Offen gestanden habe ich mich mit Cage und anderen Komponisten so genannter moderner klassischer Musik noch nie ernsthaft beschäftigt. Da sind bestimmt ganz tolle Sachen dabei, aber mich spricht das einfach nicht an. Cage scheint es mit Techno ähnlich zu gehen, dies hat er wohl auch mehr als einmal recht deutlich zum Ausdruck gebracht. Insofern bin ich, um zu Ihrer Frage zurückzukehren, komplett ahnungslos.

tip Hören Sie denn gern Klassik?
DJ Norman Nodge Sagen wir mal so: Ich mag Konzerte mit klassischer Musik und auch Ballett. Leider schaffen meine Liebste und ich es viel zu selten, in die Staatsoper oder andere Konzerthäuser zu gehen. Es wird mal wieder Zeit, danke für die indirekte Anregung! Von CD oder Schallplatte ist es einfach nicht dasselbe. Und klassische Musik z.B. nebenher beim Autofahren zu hören, geht gar nicht. Da werde ich nur aggressiv.

tip Sind sie als DJ viel unterwegs? Mit welchem Gefühl kommen Sie dann wieder nach Berlin zurück?
DJ Norman Nodge Wir stimmen die Termine ab, damit es nicht zu viel wird. Wenn z.B. eines meiner Kinder Geburtstag hat, fliege ich prinzipiell nicht weg. Phasen, in denen ich viel auflege, folgen solche, in denen ich mich zurückhalte. Zum Beispiel habe ich in diesem Juli und August jeweils nur im Berghain aufgelegt und sonst gar nicht. Es muss eine gewisse Balance haben, damit es meiner Familie nicht zu viel wird und damit ich selbst auch mal ausruhen kann. Meist lässt sich mein Gefühl, wenn ich vom Auflegen zurückkomme, mit „kaputt aber glücklich“ umschreiben.

Interview: Ronald Klein

Record Release Party mit DJ Norman Nodge

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