Konzerte & Party

Richard Hawley im Festsaal Kreuzberg

Richard Hawley

Als während der Eröffnungsfeier der Olympiade in London das Hohelied des englischen Gesundheitssystems von Danny Boyle in Szene gesetzt wurde, Kinder in ihren Bettchen auf der Bühne mal von adretten Krankenschwestern, mal von Mary Poppins umsorgt wurden, staunte die Welt nicht schlecht: ein für alle Bürger freies, steuerfinanziertes Gesundheitssystem? Wo gibt’s denn so was. So was gab es mal in England, dort wurde es 1948 erfunden.
2012 dürfte diese romantisierende, lobhudelnde Darstellung den amtierenden Premier David Cameron jedoch gewurmt haben, hat der marktliberale Konservative doch die Reform des National Health Service seit 2010 zur Chefsache gemacht. Und hoch im Norden, in der einstigen Industriestadt Sheffield, dürfte Richard Hawley, nicht nur traditionsbewusster Gitarrist, sondern auch Lokalpatriot und Klassenkämpfer, einen seiner bitteren, trockenen Lacher ausgestoßen haben. „Die Definition einer zivilisierten Gesellschaft drückt sich darin aus, dass sie sich um die Alten, Schwachen und Kranken kümmert. Meine Frau hat 15 Jahre lang als psychiatrische Krankenschwester gearbeitet. Sie hat damit aufgehört, weil sie die Veränderungen nicht mehr ertrug“, so Hawley. Die immer massiver werdende soziale Kluft macht ihn richtig wütend. So wütend, dass der eigentlich als unerschrockener Gemütsmensch bekannte ehemalige Pulp-Tourgitarrist in diesem Jahr sein „angry album“ raushaute: „Standing At The Sky’s Edge“. Wie auch schon die Vorgängeralben wurde auch dieses Werk nach einem Stadtteil von Sheffield benannt, aber mit passendem Doppelsinn: So geht es nicht weiter. Für diese Überzeugung hat Richard Hawley sogar seine gute Erziehung vergessen und seine eigentlich tonangebende Prägung durch Vintage Roots Musik im Blues, Folk und Rockabilly hintangestellt. Laut und mit donnerndem Nachhall, frei von Streichern und melodischem Swing, schaufelt er die Gitarrenwände übereinander, ermahnt sich selber sein bisheriges Schaffen zu vergessen („Leave your body behind“) und geht auf einen zornesroten Psychedelictrip.
Richard HawleyDas könnte ihm durchaus neue Freunde bringen, denn Richard Hawley leistet sich seit seinem Solodebüt 2001 ein musikalisches Geschichtsbewusstsein, um das ihn Kollegen einerseits aufrichtig beneiden, das ihn im Pop aber auch als Nostalgiker dastehen lässt. Recht unzeitgemäß kommt sein eleganter Bariton dick eingepackt in prachtvollen Melodien daher, er pflegt eine überbordende Melancholie und lässt den Geist großer Klassiker wie Scott Walker, Lee Hazlewood und Roy Orbison wieder auferstehen. Auch wenn er sie nicht kopiert und schon gar nicht als Revivalist gelten möchte, so hört man doch seine Liebe zu Gitarristen wie Santo & Johnny und Johnny Burnette, zum Rockabilly von Hasil Adkins, zu den Blues-Ikonen Howlin‘ Wolf und Bo Diddley, zu Johnny Cash und Elvis Presley nur allzu gut heraus. Mit einem weiteren Idol, dem Twangpionier Duane Eddy, hat er im vergangenen Jahr sogar ein gemeinsames Album produziert. „Mein Sohn besuchte uns im Studio und sagte zu ihm: ‚Du spielst dieselbe Gitarre wie mein Daddy.‘ Duane lachte und sagte: ‚Oh ja wirklich?‘ Und dann spielte mein Sohn ‚Peter Gunn‘. Als ihm Duane Eddy dann abends beim Essen vorgestellt wurde, versank er vor Scham fast im Boden.“
Richard Hawley kann stolz auf sich sein. Er ist sich künstlerisch treu geblieben, sein Arbeiterklassenstolz ist ungebrochen und als er 2006 den angesehenen Mercury Prize an die jüngeren Arctic Monkeys verlor, bedankten die sich mit dem Ausruf: Holt die Polizei, Richard Hawley ist beraubt worden. Immerhin – 2012 ist er nun erneut nominiert. Einzelkarrieren wie die seine sind selten geworden, zumal bei  männlichen Anwärtern. Seine Konzerte werden daheim regelmäßig von mehreren tausend Besuchern gefüllt, neuerdings unterhält er seinen eigenen Vinyl-Singles-Club und die Zeiten der leidlich bezahlten Studiojobs bei All Saints, Robbie Williams, etc. sind vorbei. Gelegentliche und unbezahlte Jams im lokalen Pub aber ausdrücklich nicht und niemals.

Text: Christine Heise

Richard Hawley + Smoke Fairies, Festsaal Kreuzberg, Mo 15.10., 21 Uhr, VVK: 22 Euro zzgl. Gebühr

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