Konzerte & Party

„Rock\n\Roll-Bingo“ in Berlin

R_n_R_BingoDass Jack Wharton seiner Großmutter einmal so dankbar sein würde, hätte er wohl niemals gedacht; damals, als er ein kleiner Junge war und die Oma ihn mindestens zweimal im Monat zum Bingo zerrte, ihn zwischen den Kaffeetischchen auf und ab laufen ließ, an denen die alten Ladys dann zwischen den Nummernansagen jauchzten: „Ah, what an adorable little thing you are, Jack!“

Aus dem „adorable little thing“ wurde der Indie-Gitarrist Jack, der – heute 24 Jahre alt – aus London nach Berlin kam, um Musik zu machen. Wie so viele, weil ihm die Atmosphäre der Stadt gefiel – und vor allem, weil es hier im Sommer weniger regnete. Mit seinen Freunden Jim, 24, und Adam, 23, gründete er Anfang des Jahres die Band Great White Shark. Zusammen spielten sie binnen kürzester Zeit im Funkhaus in Oberschöneweide mit Ed East von Chikinki ihr erstes Album ein. Gerade gehen sie mit Art Brut auf Tour.
Doch Bingo ließ auch Jack, den Musiker, nicht los. In London schon hatte ein Freund eine Indie-Bingo-Nacht etabliert. Auf den Karten standen anstatt Nummern die Namen von Indie-Bands. Ein DJ legte Songs auf. Sobald ein Stück einer Band lief, die auf der Karte stand, konnten die Spieler sie streichen. Das, so fand Jack, war die perfekte Kombination. Das wollte er nach Berlin bringen.

Im März luden er und seine Band-Freunde nun zum ersten Mal ins White Trash ein. Rock’n’Roll-Bingo nennen sie den Abend. Sie spielen nicht nur Indie, sondern alles mit Gitarren: Metal, Rock, Grunge, Punk, Garage.
Zehn Bands stehen auf den kleinen Zettelstreifen, die Jack an die Gäste im White Trash verteilt. Motörhead, Radiohead, Foo Fighters. Dann spielen die Jungs hinter den Plattentellern „Ace of Spades“ an, „Myxomatosis“, „Break Out“. An den Tischen stecken Pärchen die Köpfe zusammen. „Das kenne ich, wer ist das noch mal?“ Es ist manchmal gar nicht so einfach, an wenigen Riffs zu erkennen, was läuft. Nach einer halben Stunde schreit das erste Mädchen „Bingo!“, läuft nach vorne zum DJ-Pult und gewinnt einen 25-Euro-Gutschein für Drinks oder ein Dinner im White Trash.

Berlin ist eigentlich keine Bingo-Stadt. 2002 erst öffnete hier eine Bingohalle am Potsdamer Platz, die erste in ganz Deutschland. Zielgruppe? Ganz klar Senioren. Doch die Nachfrage war gering, man schloss bald wieder. Mittlerweile sind es vor allem die Jungen, die Bingo spielen. Seit Jahren schon hat sich das Kiez-Bingo im SO36 etabliert. Da stehen dann an jedem zweiten Dienstag im Monat lange Bierbänke auf der Tanzfläche vor der Bühne, voll bis auf den letzten Platz. Wer gewinnt, muss nach vorne und sich seinen Gewinn von den beiden Transen abholen, die das Ganze moderieren.

Das Rock’n’Roll-Bingo wiederum wird, natürlich, von einem Musiker moderiert: Eddie Argos von der Band Art Brut steht in Weste und Krawatte vorne, gibt Tipps: „Nein, das sind nicht die Editors, sondern die anderen!“ Und: „Das sind The Hives. Reicht das als Hinweis?“ iPhones sind verboten, das haben die Jungs gleich zu Anfang mehrmals gesagt. Und wer trotzdem schnell unter dem Tisch ein Musiktrackingprogramm laufen lässt, ist selbst schuld. Denn eigentlich geht es nicht ums Gewinnen. Es geht um Spaß, darum, zusammen Musik zu hören, zusammen zu spielen, zusammen zu trinken. Und um den Kick, der Erste zu sein, der irgendwann ruft: „Bingo!“

Text: Anne Lena Mösken

Nächstes Rock’n’Roll-Bingo, moderiert von Thee Nathaniel Fregoso (The Blood Arm)
White Trash Fast Food, Mi 25. Mai, 20 Uhr

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