Konzerte & Party

To Rococo Rot im Festsaal Kreuzberg

To Rococo RotAuf ein neues Album von To Rococo Rot hatte man lange warten müssen. „Hotel Morgen“, die letzte Studioproduktion mit neuem Material, ist sechs Jahre alt und schon etwas angestaubt. Ronald Lippok, ein Mitglied der Berlin-Düsseldorfer Band, hält diesen Umstand aber nicht für dramatisch. „Die typischen Turnusse im Musikgeschäft gelten für uns nicht. Wir gehen nicht einfach ins Studio, nur weil es dem Gesetz der Regelmäßigkeit entspricht. Es muss schon einen Aufhänger geben, der uns animiert.“ So ein Aufhänger kann zum Beispiel eine Auftragsarbeit sein. Lippok erinnert sich an eine vom Kölner Museum für Angewandte Kunst angefragte Soundinstallation im Rahmen der dortigen Langen Nacht der Museen im Jahr 2003, bei der die Musiker radikal reduziert mit Geräuschen aus der Lebensumwelt arbeiteten, etwa mit dem Glucksen einer Flasche Bier oder dem Knacken eines Kartoffelchips. Ein Aufhänger kann aber auch eine Tournee sein. Vor einem Jahr spielten To Rococo Rot nach längerer Pause ein paar Gigs in Schottland. Vorher haben sie nicht etwa nur die Koffer gepackt und sind losgedüst. Zuerst ging es in den Proberaum, wo neue Songs für eine neue Show entstanden.
Der Trip durch den Norden Britanniens habe die aktuelle künstlerische Etappe der Band entscheidend beeinflusst und dem neuen Album „Speculation“ eine für To Rococo Rot ungewöhnlich körperliche, fast tanzbare Richtung gegeben, findet Lippok. „Wir haben zum Beispiel den Bass einfach mal eingestöpselt. Damit konnten wir die Energie der Livekonzerte abbilden, betonen und zulassen. Das war für uns eine neue Erfahrung. Wir merkten, wie sich Musik mit fettem Verstärker anfühlt, ohne dass es gleich klischeehaft rockt.“ Den goldenen Mittelweg aus alter elektronischer Bastlervorliebe und mehr Geradlinigkeit zu finden ist bestimmt nicht einfach. Deshalb waren To Rococo Rot auch froh, dass sich für ihre Reise durch ungewohntes Terrain ein künstlerischer Begleiter zur Verfügung stellte, mit dem alles wie von selbst ging.
To Rococo Rot„Speculation“ entstand im baden-württembergischen Scheer, genauer gesagt, im Faust-Studio unter der Ägide von Jochen Irmler, dem kreativen Gestalter der legendären Krautrock-Band. To Rococo Rot landeten also genau dort, wo sie nie hinwollten. „Krautrock ist für eine deutsche Band eine zu nahe liegende Parallele. Diese Musik schien uns auch nicht zu passen. Aber dann ergab sich die Möglichkeit, bei Jochen im Studio zu arbeiten. Da haben wir beschlossen, uns mal in die Höhle des Löwen zu wagen. So ein Angebot erhält man schließlich nicht alle Tage.“
Es gibt ja unglaubliche und mythenbehaftete Geschichten über die Krautrock-Generation und ihre Arbeit auf dem Land. Nicht wenige glauben etwa, dass sich Brian Eno deshalb in die Ambient-Idee vertieft hat, weil er mal bei Harmonia im Weserbergland war, wo er den Bach plätschern und Vögel zwitschern hörte. Lippok beschreibt die Arbeit in Scheer ähnlich. Er ist begeistert von Irmlers Improvisationsgeist und Fähigkeit, einfach mal rauszugehen und beim Füttern der Schweine abzuschalten. „Danach hatte er wieder die Kraft, dazuzustoßen und sich der Band mitten in der Liveaufnahme zu ‚Fridays‘ anzuschließen.“ Die Zusammenarbeit funktionierte so gut, dass Irmler auch beim Berlin-Konzert auftreten und das Stück in einer dann neu entstehenden Version mit der Band spielen wird. Täuscht es oder erleben wir hier den Beginn einer langen und fruchtbaren Beziehung?

Text: Thomas Weiland

To Rococo Rot feat. Jochen Irmler, Festsaal Kreuzberg, Sa 10.4., 21 Uhr, VVK: 13 Euro

Tickets www.tip-berlin.de/tickets

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