Konzerte & Party

Roger Waters „The Wall“ in der O2-World

Roger Waters

„The Wall“ an der Berliner Mauer: Da mussten wir einfach dabei sein, denn da kündigte sich ein Ereignis an, das für die Freunde der Rock­oper und der ambitionierten Konzeptkunst, die wir damals waren, eine größere historische Bedeutung hatte als der eigentliche Fall der Mauer. Das Konzert sollte ein Abgesang auf den Kalten Krieg werden. Mein Kumpel Matthias hatte sich also den alten Golf Diesel seiner Mutter ausgeliehen, der es auf der Autobahn zwischen Gießen und Berlin immerhin auf eine Höchstgeschwindigkeit von 90 Stundenkilometern brachte. Dummerweise hatten wir nur zwei Kassetten mitgenommen, ein Best-of-Album von The Police und einen Deutschpunk-Mix mit Knallern wie „Tot geboren“ von den Boskops und „Deutschland brennt“ von Toxoplasma. Diese Mischung erwies sich auf Dauer als ziemlich ermüdend, und deshalb waren wir erleichtert, als wir nach etwa neunstündiger Fahrt Berlin erreichten und direkt hinter der Autobahnausfahrt Kurfürstendamm eine freie Parklücke fanden. Als Kleinstädter hatten wir die Dimensionen des Ku’damm leider etwas unterschätzt. Nach einem längeren Fußmarsch entschieden wir uns, doch lieber einen Bus zum Potsdamer Platz zu nehmen, der damals ein großes und unglaublich staubiges Niemandsland war. Am Einlass zum Konzertgelände wurden uns Pappmasken in Pink und Schwarz ausgehändigt, die wir uns zum Finale der Show vors Gesicht halten sollten, möglicherweise als Ausdruck der Angepasstheit und der Uniformität in der westlichen Konsumgesellschaft, in die wir hineingeboren waren. Wir mischten uns unter die rund 350?000 übrigen Gäste und schafften es mit einer Mischung aus Geduld und Dreistigkeit, uns der Bühne bis auf wenige hundert Meter anzunähern. Kurze Auftritte der irischen Folk­loreband The Chieftains und der amerikanischen Rockgruppe The Hooters sollten die Zeit bis zum Beginn der großen Show ein wenig verkürzen. Dann geschah stundenlang gar nichts, außer dass das Brandenburger Tor mehr und mehr wie eine Fata Morgana aussah und wir fast verdurstet wären, weil es so gut wie unmöglich war, sich in diesem Gedränge etwas zu trinken zu holen.
Roger WatersRoger Waters hatte Peter Gabriel, Bruce Springsteen und Eric Clapton gefragt, ob sie bei dem Spektakel mitmachen wollten, aber die großen Stars hatten entweder keine Zeit oder keine Lust dazu. Stattdessen waren Ute Lemper und die Scorpions dabei, die das selbstgefällige Singspiel kurz nach Einbruch der Dunkelheit endlich eröffneten. Soweit ich das aus der Entfernung beurteilen konnte, glich das Treiben auf der Bühne eher einer Generalprobe auf einer Provinzbühne – samt Stromausfällen und Playback-Einlagen – als dem perfekt inszenierten Welttheater, das wir uns gewünscht hatten. Der einzige wirklich bewegende Moment war der Auftritt von Van Morrisson, der „Comfortably Numb“ sang, während sich um ihn herum allmählich eine 170 Meter hohe und 25 Meter breite Mauer auftürmte. Falls Roger Waters die Absicht gehabt haben sollte, sein Publikum an der Entfremdung und den existenziellen Nöten teilhaben zu lassen, die ihn bei der Kreation seines Opus Magnum gequält hatten, war ihm das gelungen. Nie zuvor war ich mir so verloren und hilflos vorgekommen wie hier, inmitten der größten Ansammlung von Menschen, die ich je gesehen hatte. Den sommerlichen Temperaturen zum Trotz herrschte auf dem Potsdamer Platz eine eigenartige Kälte. Ich war einem Wichtigtuer auf den Leim gegangen, der sich aufführte, als hätte er die Berliner Mauer höchstpersönlich zu Fall gebracht.  
The Wall 1990Nach dem Konzert war die Stimmung gereizt. Ich kann mich noch an eine kleine Rangelei an einem völlig überlaufenen Taxistand erinnern. Am nächsten Vormittag kamen wir wieder in unserer westdeutschen Kleinstadt an. Ich will nicht behaupten, dass der schlimmste Tag meines Lebens hinter mir lag, aber ich hatte mir das alles irgendwie anders vorgestellt. Die pink-schwarze Pappmaske habe ich aufgehoben.

Roger Waters „The Wall“, 02 World, Mi 15.6. + Do 16.6., 20 Uhr, VVK ab 80,80 Euro

Fotos: Mark Fischer

The Wall 2011
Die Geschichte einer Vereinsamung: Roger Waters hat das Pink Floyd-Epos „The Wall“ mehr oder weniger im Alleingang geschrieben. Über 30 Jahre nach dem Erscheinen ist er damit zum ersten Mal auf Welttournee. „Ich wollte mich nicht darüber beklagen, wie schlecht es mir doch als junger Mann ging“, erklärte er unlängst dem „Classic Rock“-Magazin. „Dieser Zustand ist jedoch durchaus mit dem ganzer Nationen zu vergleichen. Die ursprüngliche Geschichte von 1979 kann auch als Sinnbild für eine politische Lage herhalten.“ Eine Nummer kleiner geht es bei Roger Waters offensichtlich nicht.

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