Konzerte & Party

Roll over Diederichsen

Hagen Liebing„Über Popmusik.“ Wo anders als im tip-Musikteil sollte ein Buch dieses Titels wohl besprochen werden?
Ich habe mich dennoch dagegen entschieden und freue mich, das sich im nächsten Heft die Magazin-Kollegen seiner annehmen werden. Eine wohldurchdachte Analyse der Popmusik durch Diedrich Diederichsen unter Zuhilfenahme schlauer Kultursoziologen („Adorno hat also gerade aus der heuristischen Lage seiner individuellen Abgrenzungsnotwendigkeit seinen Blick auf die wesentlichen Merkmale fokussieren können“) ist sicherlich beachtenswert. Und gerade Diederichsen ist ja einer, der sein Sujet auch jenseits der Rezension geniesst.
Der generellen Pop-Diskussion im Feuilleton aber haftet allzu oft ein Hauch von Laborversuch durch Kopf- und Karrieremenschen an, die nur dann dazu bereit sind, sich dieser instinkthaften, oft auch infantilen und äußerst selten intellektualisierenden Spielart zu widmen, wenn sie in den Rahmen ihrer akademischen Parameter gepresst werden kann. Bei aller wissenswerten Erkenntnis, die sich dadurch erzielen lässt – es ist ziemlich unangemessen und nervt.
Und es verhält sich ein wenig so, als hätten Sie gerade schönen Sex und dessen bio-mechanische Zusammenhänge würden Ihnen simultan von einer Gynäkologin oder einem Urologen kommentiert. Möglicherweise gar von solchen, die bewusst oder notgedrungen zölibatär leben.
Rock ’n’ Roll früher oder auch Pop heute sollten in erster Linie nicht dem Feuilleton gehören, sondern denen, die daran teilhaben möchten und die ihn nicht zuletzt ja auch ganz bewusst als Absetzungsmöglichkeit von kanonisierter Bildungshoheit nutzen.
Oder, wie es Chuck Berry bereits 1956 formuliert hat: „Roll over Beethoven, dig these rhythm and blues.“

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