Konzerte & Party

Rosenstolz sind wieder da

Fast drei Jahre machte das Duo Pause vom Musikgeschäft. Und dies nicht ganz freiwillig. tip-Redakteur Hagen Liebing sprach mit Peter Plate und AnNa R.

Rosenstolz

Was war da eigentlich so los im Jahr 2009? Eine englische Souljazzsängerin namens Amy Winehouse ließ sich auf dem Höhepunkt ihres Erfolges in die „Rehab“ einweisen, obwohl sie dies eigentlich niemals vorhatte, ein Politiker namens Guido Westerwelle wurde deutscher Außenminister, weil seine Partei bei den Bundestagswahlen 14 Prozent erzielte, in den USA wurde der erste schwarze Präsident vereidigt und der in Indien spielende Film „Slumdog Millionär“ erhielt in Hollywood acht Oscars. Für Rosenstolz indes wird 2009 als jenes Jahr in Erinnerung bleiben, in dem ihre Popkarriere einen brutalen Dämpfer erhielt. AnNa R. und Peter Plate waren zu diesem Zeitpunkt Deutschlands erfolgreichstes Pop-Duo, ihr Album „Das große Leben“ wurde rekordverdächtig eine Million Mal verkauft und dessen Nachfolger „Die Suche geht weiter“ stand ebenfalls bereits an der Spitze der Charts. Wie üblich ging man mit den neuen Songs auf eine lange, schon weit im Vorfeld ausgebuchte Tournee, erst durch Open-Air-Arenen, dann in den Hallen der Republik. Bis zu jenem 26. Januar 2009, als Rosenstolz von einem Tag auf den anderen ihr Hamburger Konzert absagen mussten.

Keyboarder Peter Plate hatte einen schweren Zusammenbruch erlitten, schlotternd am ganzen Körper, von Weinkrämpfen geschüttelt, war er nicht mehr imstande weitere Konzerte zu bestreiten. Rosenstolz sagten umgehend ihre laufende Tournee ab, ebenso Fernsehauftritte wie das anstehende „Wetten dass..?“. Schnell kam die Diagnose: Burn-out.

Plate, so attestierten die Ärzte, wäre nur zu helfen, wenn er sich auf unbestimmte Zeit dem Druck des Musikgeschäfts entziehen würde – und das taten Rosenstolz. Sie verschwanden ganz bewusst aus dem Rampenlicht.

Rosenstolz und WowiAuch angesichts des Umstands, dass Rosenstolz nun auf 20 gemeinsame Jahre zurückblicken können, steigern sie sich nicht in einen Jubiläumsrausch, sondern melden sich schlicht mit einem neuen Album zurück: „Wir sind am Leben“, eine Platte, die musikalisch fast nahtlos an die beiden Vorgängeralben anschließt und der man den unbedingten Willen des Duos anmerkt, sich zwar eigenen Schicksalsschlägen zu stellen, aber dabei nicht in Trübsal zu verfallen.

AnNa R. und Peter Plate sitzen fast ein wenig unentschlossen im Wohnzimmer ihrer Kreuzberger Büroetage, auf der auch das Studio untergebracht ist, in dem fast alle Aufnahmen ihres neuen Albums entstanden. Hier haben sie ein Heimspiel, hier ist ihre Welt, in der alles im Rosenstolz-Rhythmus verläuft, hier können sie locker und entspannt sein. Andererseits wirken sie aber auch aufgekratzt, rauchen Kette und scheinen vor der Frage zu stehen, wie das, was sie zuletzt erlebt haben und wovon auch viele ihrer neuen Lieder handeln, von der Welt da draußen aufgenommen werden wird, der Welt, die nicht unbedingt mehr im selbstgewählten Rosenstolz-Tempo rotiert.

AnNa R. und Peter Plate haben sich entschieden nur wenige Interviews zu geben. Nicht aus Koketterie, wie man es einst Prince unterstellte, auch nicht als künstliche Verknappung, um so mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Aus purer Vernunft und der Gesundheit zuliebe verzichten Rosenstolz aufs konzertierte Zusammenspiel unzähliger Pressetermine, Radioreisen und Fernsehauftritte.

Peter Plate:Ich mag das Wort Burn-out  nicht, das ist fast zu einem Modewort in den letzten fünf Jahren geworden.

tip: Zugegeben, das klingt wie ein Karriere­schritt in einer Durchschnittsbewerbung: Schule – Uni – Job – Burn-out – neuer Anlauf.
Peter Plate?Genau. Wenn der Arzt dann sagt: Sie haben ein Burn-out, dann liest du was dazu – und jeder ehemals Erschöpfte meint ja heute, er müsse ein Buch darüber schreiben – aber ich habe mich darin nicht gefunden. Ich nenne das deswegen nun einfach chronische Erschöpfung. Es ist so, wie wenn man in die Pubertät kommt: gleichzeitig Traurigkeit und Verzweiflung. Und es hat es nicht unbedingt besser gemacht, dass ich als Musiker ein wahnsinnig schlechtes Gewissen bekam, eine laufende Tour abzubrechen.

Rosenstolz livetip: Immerhin scheint es Ihnen auch dadurch gelungen zu sein, Ihre Krise zu bewältigen. Wussten Sie denn, was in solch einer Situation zu tun war?
Peter Plate: Wir wussten erst mal gar nichts. Das ging schon damit los, wie man einfach so kurzfristig ein Konzert absagt. Und dann haben wir mit einer Psychologin so eine Art Arbeitscoaching gemacht. Aber wir wollten unbedingt nicht die absolute Psychokacke …
Anna R. … wir sind ja nicht Metallica …

tip: … die Band, die ihre internen Zerwürfnisse und den therapeutischen Umgang damit zum abendfüllenden Spielfilm „Some Kind of Monster“ machte …
Peter Plate … ja, vor allem wollten wir keine öffentliche Sitzung draus machen. Und so fing das erst mal an als eine Art Arbeitscoaching. Effektiver Arbeiten und was ist da falsch gelaufen. Ist es wirklich gut zwischen zwei Terminen gesagt zu bekommen „übrigens, ihr habt einen Echo“. Es wuchs uns über den Kopf und wir haben es gar nicht gemerkt. Toll war, dass AnNa gesagt hat, ich komm dazu und auch Ulf (Sommer, Co-Autor fast aller Rosenstolz-Songs, Anm. d. Verf.). Und dann haben wir festgestellt: AnNa und ich mitei­nander, Rosenstolz an sich, wir sind nicht in der Krise, aber dieses ganze Umfeld, dieser ununterbrochene Druck war das Ausschlaggebende.

tip?Genau diese Erlebnisse scheinen Kern der neuen Platte geworden zu sein.
Peter Plate?Es blieb nicht aus, dass es darum geht. Das Einzige, was ich nicht wollte, war so eine Jammerlappenplatte zu machen. Lieder schreiben war schon immer für mich wie mein Tagebuch. Und eigentlich muss ich dann ein Lied schreiben, wenn ich fühle: Ich will ein Lied schreiben. Aber bei der letzten Platte hatten wir dann in unseren Kalender eingetragen: „Ulf und Peter schreiben ein Lied“.
Anna R.?Das stand da tatsächlich so!
Peter Plate?Und da musste ich irgendwie raus.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im aktuellen tip 20/11.

Rosenstolz, Wir sind am Leben (Polydor/Universal). Veröffentlichung: 23. September 2011

Auch zu diesem Album wird es wieder eine Sondersendung „Radio Rosenstolz“ geben. AnNa R. und Peter Plate treffen Radioeins-Moderatorin Anja Caspary in ihrem Studio und
werden eine runde Stunde lang mit ihr quatschen und Fragen beantworten. Die Fan-Nation versammelt sich am kommenden Donnerstag, den 22.09., um 20 Uhr, vor den Computern, um online mit dabei zu sein.

Foto unten: A. Becker/Universal

Andere Fotos: Ferran Casanova

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