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Ross Godfrey von Morcheeba über Berlin: „Ich stehe total auf die Hipsterkieze“

Um die Jahrtausendwende erlebte die psychedelische Musik des Trip-Hop ihren Höhepunkt – die Londoner Band Morcheeba steuerte mit dem Album „Big Calm“ einen nahezu perfekten Klassiker bei. Vor ihrem Konzert in der Uber Arena am 19. Oktober haben wir mit Gründungsmitglied Ross Godfrey über den neuen Trip-Hop-Hype, die Rolle von Cannabis und Berlin gesprochen.

Morcheeba in der aktuellen Formation, ohne Gründungsmitglied Paul Godfrey, dafür aber seit einigen Jahren wieder mit der Sängerin Skye Edwards (rechts). Links zu sehen: Ross Godfrey. Foto: Morcheeba

Weil Ross Godfrey nicht mehr raucht, nimmt er Cannabis-Öl zur Show mit

tipBerlin Ross Godfrey, wie geht es Ihnen und Skye Edwards gerade?

Ross Godfrey Uns geht es gut, danke der Nachfrage! Wir sind zur Hälfte mit unserer Europatournee durch und alle bisherigen Shows waren toll.

tipBerlin Für diejenigen, die euch noch nicht so lange kennen – lass uns kurz über euren Namen sprechen. Morcheeba klingt so ähnlich wie „More Cheeba“, das ist Slang für „Mehr Marihuana“. Wie kam es zu diesem kuriosen Namen?

Ross Godfrey Der Name begann als eigentlich als Witz. Aber als ein Demotape mit diesem Namen bei einem Recordlabel landete, und die das Tape veröffentlichen wollten, haben wir uns entschieden, den Namen so stehen zu lassen. Uns gefiel der Klang und der Look des Namens.

tipBerlin Ihr tourt nun schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Nochmal zum Thema Marihuana – wie hat sich eure Vorbereitung da vielleicht auch seit den 1990er Jahren verändert?

Ross Godfrey Wir sind natürlich älter geworden und feiern nicht mehr so wild wie früher. Ich habe aber eine medizinische Cannabis-Karte, also bringe ich Speiseöl aus Cannabis mit, weil ich nicht mehr rauchen kann – das ist zu hart für meine Lunge und stinkt!

tipBerlin Und abseits der Rauschmittel?

Ross Godfrey Skye hört eine sich ständig weiterentwickelnde Playlist, während sie sich für die Shows fertig macht. Und sie näht alle ihre Bühnenoutfits selbst.

„Peace of Me“ ist der einzige Song auf „Escape the Chaos“, der lyrisch eine etwas bedrohlichere Stimmung entwirft. Video: Morcheeba

tipBerlin Während viele Bands versuchen, auf ihr Debütalbum ein musikalisch ähnliches Album folgen zu lassen, habt ihr nach eurem ersten Album „Who Can You Trust“ mit „Big Calm“ eine Kehrtwende in Richtung radiotauglicher Musik gemacht. War ein Pop-Album mit Aussicht auf kommerziellen Erfolg zu verlockend? Oder anders gefragt: Was ist passiert?

Ross Godfrey Ich würde „Big Calm“ nicht als Pop bezeichnen, und dieses Album oder irgendein anderes Morcheeba-Album wurde nie besonders oft im Radio gespielt. „Big Calm“ war eine Erweiterung um viele verschiedene musikalische Einflüsse und eine Weiterentwicklung unserer Fähigkeiten als Songwriter.

tipBerlin Heute liegt Trip-Hop wieder im Trend, Bands wie Portishead, Sneaker Pimps und auch Ihre Band erhalten neue Anerkennung für eure Arbeit. Wie erklären Sie sich, dass Trip-Hop wieder so angesagt ist?

Ross Godfrey Trip-Hop war schon immer cool. In den letzten 25 Jahren ist in der Musik nichts wirklich passiert, es gab keine Revolutionen, wie es sie im 20. Jahrhundert alle paar Jahre gab.

„Die 30 Jahre mit Morcheeba kommen mir vor wie ein ganzes Leben.“

tipBerlin Trip-Hop mutet zuweilen fast esoterisch an: Ich meine damit nicht nur die psychedelischen Gitarren und Pads, sondern auch die spirituellen Texte vieler Songs. Wie spirituell sind Sie ?

Ross Godfrey Ich glaube nicht an Götter, weil es keine gibt, aber ich glaube, dass das Universum ein großartiger Ort ist und wir alle miteinander verbunden sind.

tipBerlin Eurer letztes Album „Escape the Chaos“ könnte man als Eskapismus in Musikform betiteln – hell klingende Melodien, kaum Brüche, die Texte wirken recht brav. Warum habt ihr euch entschieden, nicht das ganze Chaos auf der Welt zu thematisieren?

Ross Godfrey Man wird ja konstant mit dem ganzen Bullshit bombardiert, der so in der Welt passiert. Das Informationszeitalter ist einfach überwältigend. Was wir also machen sollten, ist die einfachen Dinge wertzuschätzen und reale Momente zu genießen.

tipBerlin Lass uns nochmal etwas tiefer in den Albumprozess von „Escape the Chaos“ einsteigen. Was war die zündende Idee hinter dem Album?

Ross Godfrey Musik entsteht bei uns sehr organisch und führt von einer Idee zur anderen – sie festigt sich als eine Art Gravitationszentrum. Der Song „Escape the Chaos“ war einer letzten Tracks, die wir gemacht haben, und scheint das Therapeutische des Albums perfekt zusammenzufassen.

Morcheeba gastierte bei den Leverkusener Jazztagen und spielte unter anderem ihren Hit „The Sea“. Video: WDR

tipBerlin Sie machen nun seit mehr als 30 Jahren Musik. Was treibt Sie an?

Ross Godfrey Musik erneuert sich ständig selbst, man reitet auf ihr wie auf einer Welle. Musik ist auch die beste Möglichkeit, die ich kenne, um Gefühle und abstrakte Gedanken auszudrücken. Die 30 Jahre sind wie im Flug vergangen, es kommt mir auch vor wie ein ganzes Leben. Musik zu machen ist für mich viel besser, als einen richtigen Job anzunehmen. Ich wüsste gar nicht, wie das geht.

tipBerlin Während der vielen Touren, die Sie gespielt haben, waren Sie auch öfter in Berlin zu Gast. Gibt es eine Erinnerung an die Stadt, die besonders hängengeblieben ist?

Ross Godfrey Ich habe einige Freunde hier in Berlin und erinnere mich gerne an die Spätsommernächte, in denen wir im Park Ping Pong gespielt oder an der Spree Bier getrunken haben. Und ich erinnere mich noch daran, dass ich in diesen Momenten dachte, so was würde in London nicht passieren! Berlin ist eine wunderschön entspannte und kulturell sehr interessante Stadt mit einem dynamischen, jungen Herz – es ist also ein großes Vergnügen, zu Besuch zu kommen. Und ich stehe total auf die Hipsterkieze.

  • Uber Eats Music Hall Uber Platz 2, Friedrichshain, So 19.10., 20 Uhr, Tickets ab 50,50 €, weitere Infos und Tickets hier

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