Soul

Soulrevolution: Sampha und Michael ­Kiwanuka spielen in Berlin

2016 führt kein Weg vorbei an Sampha und an Michael ­Kiwanuka. Jetzt spielen die Londoner am gleichen Abend an getrennten Orten. Wahlqual!

Foto: Sampha by Young Turk

Soul ist ja zurzeit nicht irgendein Sub-Genre in der Nische, sondern Konsensradio, man denke nur an Adele. Muss das so langweilig sein? Nein, zwei Männer Ende Zwanzig machen Hoffnung: Sampha (27) und Michael Kiwanuka (29). Beide kommen sie aus London, gute sieben Meilen von der City entfernt. Beide aus Vororten, in denen sie mit ihrer Hautfarbe in der Minderheit waren, denn vier von fünf Menschen dort sind weiß. Doch Sampha wuchs auf im Süden von London (in Morden) Kiwanuka im Norden (in Muswell Hill); Samphas Familie stammt aus Westafrika (Sierra Leone), Kiwanukas aus Ostafrika (Uganda). Und vor allem: Sampha kommt musikalisch vom Klavier, Kiwanuka von der Jazz-Gitarre; Sampha sucht die Nähe zum R’n’B des 21. Jahrhunderts; Kiwanuka huldigt den Soul-Ikonen der 1970er (Curtis Mayfield, Marvin Gaye). Also Neo versus Retro? Nein, so einfach ist das mit den beiden nicht.
Wer ist dieser Sampha überhaupt? Sein Debüt-Album „Process“ erscheint erst nächstes Jahr, und doch ist er schon in aller Munde. In der Londoner Club-Szene liegt das daran, dass Sampha bei Sets des Dubstep-Produzenten SBTRKT live oft seine warmen, bis ins Falsetto reichenden Vocals beisteuert. Weltweites Aufsehen haben dann aber die hochkarätigen Kooperationen erreicht: Mit Kanye West und Drake mischte Sampha in der Spitzenliga des kommerziellen Rap. 2016 heuerten die zurzeit stärksten R’n’B-Acts des Planeten, Frank Ocean und Solange Knowles, Sampha für je einen Track an. Der von Solange heißt „Don’t Touch my Hair“ und ist kein bisschen harmlose Mikrotragödie, sondern Power-Statement einer Woman of Color, deren Würde selbstverständlich unantastbar sein sollte. Klavier spielt Sampha, seit er drei ist, manchmal spielt er noch auf exakt jenem Instrument, das sein Vater damals kaufte, als Alternative zum TV.  Als Teenager begann Sampha, Elektro am Rechner zu produzieren. Und man spürt dies bei fast allen von Samphas Songs, dass hier einer nicht bloß den Soul in der Stimme hat, sondern auch den Dub aus dem Club in der Blutbahn. Sampha liebt die Vibrationen richtiger Klaviermechanik. Auch wenn die Saiten ein bisschen neben der perfekten Stimmung schwingen. „Das hat mehr Charakter.“ Passt zu ihm. „Alles in allem bin ich sicher eher intro- als extrovertiert“, sagt er, dicht am Flüstern. „Musik ist aber halbwegs soziale Introversion. Sie hilft mir auch dabei, mit anderen zu sprechen, denn bei nichts anderem bin ich so schüchtern.“ Nicht gerade Depressionen, aber tiefe Selbstzweifel habe er erlitten, da er als schwarzer Junge in einem weißdominierten Viertel aufwuchs.

Foto: Michael Kiwanuka, copyright  Universal Music
Foto: Michael Kiwanuka, copyright Universal Music

Darum geht es auch in der Musik von Michael Kiwanuka, etwa in „Black Man in a White World“ auf seinem zweiten Album „Love & Hate“, der meistgelobten Soul-Platte des Jahres. Der Song suhlt sich weder in Selbstmitleid, noch kulminiert er im Aufbegehren. Vielmehr ein Arrangieren mit dem Anderssein besingt er. Das Album ist (obwohl Nr. 1 im UK) dunkler im Wesen als das Debüt. Die Songwriter-Akustik-Gitarren sind in den Hintergrund getreten. Dafür gibt’s die Elektrische und massiven Soul-Bombast, Streicher und Chöre, allein schon im 11-minütigen Opener. Kiwanuka geht die Songs aber mehr von der Melodik her an als von Akkorden aus. Gesangsstunden hatte er nie, wohl aber Unterricht in Jazz-Gitarre. Gleichwohl hört man in der Art, wie er intoniert, wie er Achtellängen im Takt ausgestaltet, dass er Phrasierungen von Soul-Legenden, wenn nicht brav studiert, dann doch wohl begierig aufgesogen hat. Alles begann, als er 14 war und ihm ein Kumpel eine Soul-Compilation in die Hände drückte. „Soul fühlt sich selbst durch Kopfhörer und Lautsprecher wie eine Umarmung von Herzen an“, sagt er heute. Besonders wenn die Instrumente und Stimmen alle zusammen aufgenommen wurden. „Wie bei Filmen interessiert es einen doch, wie Individuen miteinander interagieren.“ Was Kiwanuka wirklich hasst, ist der Begriff „Retro“. Recht hat er, denn er ist ja ein großer Soul-Erneuerer, nicht so offensichtlich wie Sampha zwar, aber eben doch. „Zumindest in England hat Retro einen schalen Beigeschmack: etwas, das nicht nach vorne pusht und seine Bedeutung verloren hat. Auch wenn ich inspiriert durch die 1970er bin, entsteht meine Musik doch im Heute.“ Auch mithilfe von Produzent Danger Mouse, der 2004 damit bekannt wurde, dass er The Beatles mit Jay-Z mixte. Das passt zum Genre-Überschreiter Kiwanuka, der ein erstklassiger Gitarrist ist und psychedelische Riffs à la Jimi Hendrix im Soul starkmacht – auf Beats, die zwar nicht Hip-Hop sind, aber doch nicht ohne diesen denkbar wären. Und natürlich kennt Kiwanuka Samphas Musik: „Der ist ein spannender neuer Künstler“, sagt er. „Seine Stimme ist absolut einmalig. Ich bin Fan. Ich an eurer Stelle würde an dem Abend zu Sampha gehen!“ Es ist wohl so, dass gute Seelen einander erkennen. Und verdammt gute sowieso.

Sampha in der Kantine am Berghain Am Wriezener Bahnhof, Friedrichshain, Mi 9.11., 20 Uhr, ausverkauft

Michael Kiwanuka im Astra Kulturhaus Revaler Str. 99, Friedrichshain, Mi 9.11., 20 Uhr, ausverkauft

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