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"Satire ist der neue Punk" von Julia Lorenz

"Satire ist der neue Punk" von Julia Lorenz
K.I.Z. hin, "Beate Zschäpe hört U2" her: Bis auf Xavier Naidoos verwirrte Zwischenrufe aus dem Reptiloidenreich und einige Provokatiönchen in Rock und Rap hat deutsche Popmusik seit Langem keine echten Debatten angestoßen. Doch damit scheint‘s nun vorbei. Die Satiriker von Extra 3 haben ein diplomatisches Erdbeben ausgelöst, indem sie das, nunja, verbesserungswürdige Verhältnis des türkischen Präsidenten Erdogan zur Pressefreiheit besangen. Und zwar zur Melodie von Nenas 80er-Hit "Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann". Kurz darauf gelang es Jan Böhmermann, der erst vor wenigen Monaten mit "Ich hab Polizei" als vermeintlich staatstreuer Gangsterrapper den Zorn der Im-Bus-immer-hinten-Sitzer des Landes auf sich zog, mit seiner Rammstein-Persiflage "Be Deutsch!" die hiesige Mentalität zwischen Wutbürger- und Bioburgertum pointierter einzufangen als Heinz-Rudolf Kunze auf seiner aktuellen Platte ("Deutschland"). Wann hat Popmusik zuletzt so aktiv den Diskurs beeinflusst?  
Selbst die jungen Hoffnungsträger wollen lieber mit der süßen Kommilitonin fummeln (AnnenMayKantereit) oder sich im Damenklo erhängen (Isolation Berlin), als subversive Kraft zu sein. Daran ist nichts falsch – trotzdem ist es bemerkenswert, dass es Fernseh-Humoristen bedarf, um Pop wieder streitbar zu machen. Wenn wir schon keine Pussy ?Riots haben, bleiben uns immerhin Extra 3 und das Neo Magazin ?Royal.

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