Konzerte & Party

Schneckentempo

Hagen LiebingWitch House, das neue Ding: Ein Justin Bieber-Song und andere Pop-Alltäglichkeiten werden über alle Maßen verlangsamt und unkenntlich gemacht, bis es knirscht. Footwork, das neue Ding: Beats und Stimm-Samples werden so schnell aufbereitet, dass es rattert und quietscht. Es ist kein Zufall, dass gerade in Zeiten digitaler Dominanz solche Trend-Spielereien entstehen. Nicht etwa wegen der immensen Möglichkeiten, sondern wegen des immensen Vergessens, das zwischen den Binärcodes I und 0 liegt. Schließlich haben Besitzer eines alten Plattenspielers mit den Geschwindigkeiten 16, 33, 45 und 78 bereits in Kindertagen einschlägige Erfahrungen sammeln können: 33 und 45 – das war gelernt – standen nicht für Aufstieg und Fall des Dritten Reiches, sondern für die notwendige Umdrehungszahl bei Langspielplatten und Singles.
Mit 16 Upm, etwas Farbe und einem Stück Pappe auf dem Plattenteller hingegen ließen sich selbst gemachte Jackson-Pollock-Imitate fertigen und bei 78 Upm wurden mittels Zentrifugalkraft gar auf vergnügliche Weise kleine Spielzeug-Soldaten quer durchs Kinderzimmer geschleudert.
Aber natürlich hat man das Gerät nebenbei auch noch für Schallplatten verwendet. Da ist dann bei den extremen Tempi auch so etwas wie Witch House oder Footwork entstanden. Man hat daraufhin kurz gelacht und sich schnell wieder den wichtigen
Dingen zugewandt.

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