Konzerte & Party

Schwule Partyszene in Berlin

Horse Meat Disco CrewJerry ist ein Veteran in der schwulen Clubszene: der Berghain, das GMF, das Kino International – Jerry kennt sich im Berliner Nachtleben aus. Eigentlich dachte er, dass ihn, was Partys betrifft, nichts mehr vom Hocker reißen kann. Bis er vor zwei Jahren per Zufall in London die Horse Meat Disco entdeckte. „Als mich mein Bekannter Tomas fragte, ob ich Lust hätte, mitzukommen, wollte ich erst Mal nicht“, erzählt Jerry. „Zu einer Horse Meat Disco? Der Name sagt doch schon alles! Das kann sich doch nur um eine Fick-Party handeln.“ Um was es sich bei dieser sonntäglichen Party-Reihe wirklich dreht, wurde ihm erst klar, als er im Londoner Stadtteil Vauxhall ankam, im Mekka der Schwulenszene.

Dort ist der Austragungsort der Horse Meat Disco: im Eagle, einem überschaubaren Club mit großer Bar, kleiner Tanzfläche und einem Außenbereich, wo man rauchen darf. Die Disco-Originale aus den 70ern, die dort aus den Boxen kommen, überwältigten ihn. Die vier Horse Meat-DJ’s kramen tief in der Schatzkammer dieser Ära und legen Scheiben auf, weitab von den üblichen Gay-Hymnen „I Will Survive“ und „I Am What I Am“ von Gloria Gaynor, die normalerweise in jeder Schwulendisco laufen. Virtuos mischen die vier DJ’s Klassiker wie „Was That All It Was” von Jean Carn mit Italo, Electro, Funk, Soul und sogar Rock und haben einen Heidenspaß daran, diese Sounds mit Kate Bush‘s „Running Up That Hill” oder den B 52’s zu brechen. Eine Offenbarung für Jerrys Ohren, der seit Jahren nur Minimal oder bestenfalls Electro in den Berliner Clubs zu hören bekommt. „Die Musik, die Stimmung – genauso habe ich mir das legendäre Studio 54 in New York immer vorgestellt“, schwärmt Jerry heute noch. Nie zuvor habe er so viele kernige Jungs auf einmal gesehen. Sie sollen ausgesehen habe wie eine Reinkarnation von Al Parker, die schwule Porno-Ikone aus den 70er Jahren: sexy, haarig, durchtrainiert. Und das an einen Sonntagabend, wo um 3 Uhr morgens – wir sind in London – Zapfenstreich ist. „Wow, warum haben wir so eine Party nicht in Berlin?“ An jenem Abend wurde ihm bewusst, dass er sie importieren muss.

Horse Meat Disco FlyerSeit anderthalb Jahren steigt nun alle zwei Monate die Horse Meat Disco im Tape. Zusammen mit den Clubbetreibern hat sie Jerry nach Berlin geholt. Er kümmert sich seither um die Promotion. Die heiße Disco-Party aus London hat sich schnell in der Schwulenszene herumgesprochen. Obwohl es dafür keinen offensichtlichen Dresscode gibt, scheint sich auch hier ein eher maskuliner Typ besonders wohl zu fühlen. Schwule Horse Meat Disco-Fans tragen Sneaker zur Jeans und als Accessoire ihre Männlichkeit, die sie in Form von Vollbärten und Brustbehaarung freizügig durch das weit aufgeknöpfte Karohemd zur Schau stellen. Sie sind durchschnittlich zwischen 30 und 40 Jahre alt und sehen keinen Grund mehr darin, sich tuntig aufzubrezeln, um sich vom Rest der Bevölkerung abzugrenzen. Es ist eine neue Generation von Schwulen, die sich in keine Schublade stecken lässt und die selbstverständlich mit ihrer Sexualität umgeht. Dies färbt zunehmend auch auf junge Gays ab, die sich an deren Holzfäller-Style orientieren. „Für viele ist es nur ein Modetrend“, weiß Jerry, der beobachtet hat, dass sich auch plötzlich hippe GMF-Partyboys einen Bart wachsen lassen und „auf Kerl“ machen. Er hingegen trägt seinen Bart aus Überzeugung. Wie viele seiner Freunde, die er noch aus Ostgut-Zeiten kennt. Manche sehen aus wie die Porno-Ikone Al Parker, manche haben eher was von Grizzly Adams, dem Mann in den Bergen. Manche haben eine Wampe wie Jim, einer der vier Horse Meat-DJ’s, der alles andere als dem geleckten schwulen Schönheitsideal entspricht. Dieser Männertyp wird in der Szene oft als Bär bezeichnet. Dahinter steckt eine Bewegung, die auf eine lange Tradition zurückblicken kann.

Die Bären haben ihren Ursprung in Amerika der 70er Jahre und wollten der kalten und harten Lederszene eine warmherzige, kuschelige Männlichkeit entgegensetzen. Mittlerweile gibt es in jeder Großstadt eine organisierte Bärenszene, die sie auch gegenüber anderen „Tierarten“ sehr tolerant zeigt. Zur Bärenfamilie gesellen sich zum Beispiel auch Wölfe, die aggressiver sein sollen als die Durchschnittsbären. Es gibt die liebesbedürftigen und verschmust Jungbären, die Grizzlys, die Eisbären, die Muskelbären und die Slimbären, die essen können, was sie wollen, ohne ein Gramm zuzunehmen. Der Otter, von jeher in Bärennähe, gehört auch dazu. Er gilt als Unterart des Jungbären und zeichnet sich durch kurzes, volles Haar und dichtes Fell aus. Dieses besonders possierliche Tierchen ist nachtaktiv und streift gerne durch Discos, wo er sein Tanzbein schwingt – wie Jerry. Doch obwohl er haargenau auf diese Beschreibung passt, würde er sich niemals als Otter bezeichnen. Er ist weder bei Big Bears & Buddies e.V., noch trifft er sich am „Kerle-Stammtisch“. Und die „Bärenhöhle“ in der Schönhauser Allee hat er auch noch nie von innen gesehen. Auch Jim, der Horse Meat-DJ, hat mit der schwulen Bären-Fraktion nichts zu tun. „Ich definiere mich über meine Musik“, sagt er. Von Anfang an sei die Horse Meat Disco als „queere“ Party konzipiert gewesen, zu der jeder willkommen ist – egal, welche Hautfarbe oder mit wem man ins Bett geht. „Dass die Mehrheit unseres Publikums schwul ist, und noch dazu verdammt gut aussieht, ist umso besser für uns“, sagt er und lacht. Dieses Publikum trifft sich auch bei den „Pet Shop Bears“, eine Partyreihe, die monatlich in der Berghain-Cuntine stattfindet. Und bei Cocktail d’Amore, eine Clubnacht, die von drei Italienern in einem Kreuzberger Keller veranstaltet wird. Ihre Gäste erreichen sie fast ausschließlich über Flyer, die auch auf der Horse Meat Disco ausliegen, und über Mund-zu-Mund-Propaganda. Ein weiterer Treffpunkt ist donnerstags das Möbel Olfe in Kreuzberg, wo Jerry die meisten seiner Partyfreunde trifft, und wo auch er fleißig Flyer verteilt. Neuerdings kümmert er sich auch, zusammen mit Amir vom Tape-Club, um die Pag-Party, der heißeste Gay-Import aus Tel Aviv. Alle zwei Monate findet sie im Wechsel zur Horse Meat Disco statt. Es ist also absehbar, dass auch diese Adresse für die „Disco-Bären“ heiß sein wird.

 

Text: Wolfgang Altmann

Foto (Flyer): Getty Images


Pag-Party Tape Club, Sa 12.6., 23 Uhr.
Pet Shop Bears Cuntine/Berghain, Fr 25.6., 23 Uhr
Horse Meat Disco Tape Club, Sa 10.7., 23 Uhr
CSD Opening Party Tresor, Fr. 18. Juni, 23 Uhr
CSD Umzug Sa. 19.6., Start: 13 Uhr Kurfürstendamm, Finale 17 Uhr ?Brandenburger Tor
CSD Closing Party Dice Club, Sa. 19.6., 23 Uhr

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