Konzerte & Party

Scott Walker: Bish Bosch

Scott Walker: Bish BoschUm seinen Werkkatalog der Sechziger und Siebziger braucht sich Scott Walker nicht weiter zu bemühen. Darum kümmern sich nachwachsende Verehrer wie Alex Turner, Adam Green oder Bat For Lashes. Also bleibt der einstige Gentleman-Crooner konsequent auf seinem Experimentalpfad, den er seit dem Ende der Walker Brothers eingeschlagen hat – immer in Richtung größtmögliche Klang-Abenteuer.
Sechs Jahre nach den monochromen Klangmassiven von „The Drift“ bewegt sich der Nachfolger „Bish Bosch“ durch ähnliche, organisch verbundene Rätsellandschaften. Die bis zu 20 Minuten langen Stücke erinnern an Etappen einer Endzeit-Odyssee durch orchestrale, sakrale und archaisch-rituelle Klangwelten. Hell ausgeleuchtet im Vordergrund gibt Walkers Tenor den Erzähler nach Art eines barocken Rezitativ-Sängers. Die Themen sind albträumerisch, erinnern teils an die finsteren Leinwände eines Francis Bacon. Wo Walker und sein Freistil-Ensemble früher schon mal mit herabbaumelnden Schweinehälften experimentierten, liefern in Stücken wie „Tar“ lange Klingen von Macheten die zischende Percussion. Das seltene „Tubax“ – ein riesiger Zwitter aus Basssaxofon und Tuba – steuert schiffshornartige Stöße bei, selbst Körperwinde kommen fies zum Einsatz („Corps De Blah“); woanders knüpfen taumelnde Streicher an die Suspense-Effekte von Bernard Hermanns Filmmusik an.
Im kunsthaften Timbre gesungen, erinnern Walkers Fabeln von fern an den surrealen Folk von PJ Harveys Album „Let England Shake“. Wie die Kollegin nimmt Walker Bezug auf die kriegerischen und machtlüsternen Impulse der Menschheitsgeschichte – mit einem Personal um verrückte Pfahlsitzer, Päpste, Zwerge und zeitgenössische Despoten. Anstrengend und anregend erinnert dieses neuerliche Reifewerk in der Tat an den titelgebenden Höllenmaler Hieronymus Bosch.

Text: Ulrike Rechel

tip-Bewertung: Hörenswert

Scott Walker, Bish Bosch (4AD/Beggarsgroup)

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