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Sechs Jahre White Trash Fast Food

Wally_c_schnitgerKreativität entsteht oft dann, wenn man vor dem Nichts steht. „Der Schock ist gut, um sich neu zu erfinden“, sagt Wally. Diese Gelassenheit. Obwohl Wally gerade Vater geworden ist. Man könnte meinen, dass in so einem Moment das Bedürfnis nach Sicherheit größer ist als das nach dem Experiment. Walter „Wally“ Potts, Erfinder und Betreiber vom White Trash, sitzt im schummrigen Licht im hinteren Teil des Restaurants. Er trägt einen Hut mit Leopardenmuster zum ergrauten blonden Truckerbart. Noch hat Wally nichts verloren. Aber es wird enger. Wally sagt, Gentrifizierung, das sei eine große Maschine, die einfach läuft. Und in Prenzlauer Berg und Mitte, diese beiden Bezirke, an deren Grenze das White Trash liegt, läuft die Maschine gerade auf Hochtouren. Die Kundschaft der Biosupermärkte rund um das White Trash will es ruhig haben nachts. Die Besitzer der Häuser, in denen diese Kunden wohnen, wollen mehr Geld, als Clubbetreiber zahlen können. Seit zwei Jahren merkt Wally, dass es schwieriger wird. Früher, sagt er, konnte man hier einfach machen. „Heute willst du einen Freiraum erhalten und plötzlich bist du ein Geschäft.“ Vor Jahren schon hat er sich „White Trash Fast Food“ auf den Unterarm tätowieren lassen, dann setzte er irgendwann noch die Buchstaben „GmbH“ dahinter. Es lugt unter dem Ärmel seines Tweed-Jacketts hervor. „Das Tattoo hat mich 25 000 Euro gekostet“, scherzt er, soviel habe er bezahlen müssen, als sein Laden ein Geschäft wurde. Das White Trash hat heute sechzig Angestellte.

Wally war ein junger Kunststudent aus Los Angeles, als er 1991 nach Berlin kam. Er lief mit seinem Huskyschäferhund Joe durch die Rigaer Straße. Er fühlte sich wie der erste Amerikaner in Friedrichshain. Die meisten hielten ihn für einen Deutschen, weil er nicht viel sprach, wenn er vor seiner Schweinshaxe in einem alten Pub am Bersarinplatz saß. Nicht weit davon wurde im vergangen Jahr das letzte besetzte Haus von Friedrichshain geräumt. Wally stapfte damals im Dunklen durch den Matsch auf dem Potsdamer Platz, tanzte zwischen Bauwagen. So war das früher: Die Clubs lagen auf Brachen oder in Kellern, sie hießen Ewerk oder Eimer. Sein Geld verdiente er nachts als Wachmann von Elefanten Press in der Oranienstraße. Wenn er am Tag noch mal wiederkam und die Kotzflecken der Junkies wegputzte, bekam er ein bisschen Extrageld, 20 Mark pro Fleck. In dieser Zeit lernte er kochen, für eine Volksküche in einem besetzten Haus in der Tucholskystraße. Es hat ihn überrascht, wie lange diese Zeit so war, wie sie war. „Ein einmaliger, abgefuckter Zustand“, sagt er. In New York, in London, auch das hat er beobachtet, dreht sich die Maschine viel schneller, viel krasser, härter.

Wally_c_schnitgerAuch deswegen ist Berlin für ihn noch immer interessant. Aber Wally sagt auch: „Die Stadt muss sich jetzt entscheiden, was die Prioritäten sind.“ Kreuzberg, sagt er dann, das scheint ihm der Bezirk, in dem Freiräume noch erwünscht sind. Es gab diese Gerüchte, er würde das White Trash dicht machen und nach Kreuzberg umziehen. „Ich habe mich da immer wohl gefühlt“, sagt er jetzt nur, nickt, vielleicht, irgendwann. Konkret ist noch nichts. Er will hier auch gar nicht weg. „Wir haben viel investiert“, sagt Wally und blickt auf diese Wände, an denen man sich festsehen kann: Chinesische Drachen winden sich um Säulen, Hirschgeweihe, Spiegel, an der Discokugel am Eingang hängt über Kopf eine Rattenfigur. Alles ist irgendwie gewachsen. Im ersten White Trash – das war im Haus Schwarzenberg – waren sie zwei Jahre, im zweiten, an der Torstraße, drei, hier in der Schönhauser Allee sind sie nun sechs Jahre. Vielleicht Zeit, sich neu zu erfinden. Wally hat jetzt erst mal das Programm für den Samstag neu gemacht, den Nachtisch im Keller zu den Burgern, die er im Restaurant serviert. Er lädt bekannte DJs ein und bittet sie, zu experimentieren. Trentemöller spielte bereits eine Nacht auf Plattentellern. Craft von K.I.Z. kam. Wally weiß, dass die Leute das wollen, was sie kennen. Aber er hatte keine Lust mehr auf die ewig gleichen Indie-Partys. Und das hier ist sein Wohnzimmer. Er will hier machen, was er will. Wally schüttelt den Kopf, knetet die Hände, dass die Fingerknochen knacken. „Ich will meinem Kind den Laden irgendwann übergeben“, sagt er, „und das soll dann kein Scheißladen sein.“

Text: Anne Lena Mösken

Foto: Harry Schnittger

White Trash Fast Food Schönhauser Allee 6-7, Programm unter www.whitetrashfastfood.com

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