Kommentar

„Seelenfressen“ von Stefan Hochgesand

„Magst du nicht was über Orlando schreiben?“, haben mich die Menschen hier in der Redaktion gefragt nach dem Disco-Massaker vor knapp zwei Monaten, das für 49 queere Menschen tödlich endete.

Stefan Hochgesand

Und, ja, ich hatte das dringende Gefühl: Eigentlich muss ich etwas über Orlando schreiben. Stattdessen habe ich mich eine Woche lang in den Schlaf geweint und die Worte nicht gefunden für die Wut, aber auch die Angst in mir. Boy, you left me speechless. Die paar nächsten queeren Partys waren keine Freude mehr. Wenn da Rucksäcke oder Jacken auf dem Boden lagen, ratterte es in mir.
Kürzlich war ich beim Beyoncé-Konzert im Frankfurter Stadion. (Die Gute hat ja keinen Abstecher nach Berlin gemacht.) Nach einem grandiosen Konzert mussten wir über zwei Stunden lang auf unsere Taschen warten. Die musste man vor dem Konzert  an Zelten abgeben. Die Securitys hatten hinterher ihre liebe Mühe, die jeweiligen Taschen im Gestapel überhaupt wiederzufinden. So endete ein toller Abend für viele im Frust. Warum leere Taschen abgeben? Bei Behörden ist inzwischen nicht nur von Sicherheit, sondern auch von Sicherheitsgefühl die Rede, das man vermitteln möchte. Wir erinnern uns an die Worte des Innenministers letztes Jahr, er sage jetzt lieber nix dazu, denn „ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“. Autsch. Sicher weiß ich: Der Spaß an Konzerten und Partys ist bei mir wieder voll da. Ich hoffe, bei Ihnen auch. „And if I die today“, wie Tori Amos singt, „I’ll be the Happy Phantom“.

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