Konzerte & Party

Selig sind wieder da und spielen im Kesselhaus

SeligAls „deutschen Grunge“ vermarktete die Plattenfirma Selig damals. Nach drei Alben und insgesamt einer Million verkaufter Exemplare löste sich die dauertourende Band im Streit auf. Seither schlugen die Mitglieder eigene musikalische Wege ein, von klassischer Komposition über Musikproduktion bis hin zu neuen Bands wie Kungfu (Christian Neander), Zinoba oder TempEau (Jan Plewka). Sänger Plewka ist zudem erfolgreich mit Rio-Reiser-Interpretationen. Die Enddreißiger, die heute allesamt Familienväter sind und überwiegend im Hamburger Umland leben, kehren nun mit dem Album „Und Endlich Unendlich“ zurück; produziert hat es das Quintett erstmals in Eigenregie, in Christian Neanders Tonstudio in Kreuzberg.

tip Mit Selig habt ihr in den Neunzigern vier Jahre lang extremen Star-Trubel erlebt. Dann war plötz­lich zehn Jahre völlige Funkstille.
Jan Plewka Ich glaube, das ist genau die Halbwertzeit von Groll.

tip Groll zwischen den Bandmitgliedern?
Plewka Es gab Enttäuschung, ja. Das war eine sehr intensive Zeit, in jedem Belang. Wir waren 48 Stunden am Tag Selig, vier Jahre lang. Wir haben gekämpft dafür. Ich meine, als wir ankamen, da hatten wir eine Vision. Es gab Udo Linden­berg, Westernhagen, Grönemeyer. Und wir waren Anfang 20 und hatten keine echte Beziehung dazu. Wir haben gedacht: Es muss doch andere Facetten geben von deutscher Rockmusik, in der Muttersprache. Wir sind dann mitten durchgeprescht, durch diese Mauer. Ohne irgendeiner Szene anzugehören.

tip Selig waren schnell omnipräsent: im Radio, auf Bauzäunen, auf MTV, wo ihr mit Hippie-Brillen, Halsketten und Pelzkragen durchs Bild getanzt seid …
Plewka Wir sind durch die Secondhand-Läden gezogen und haben uns die schrägsten Klamotten ausgesucht. Dafür waren wir ja auch verpönt: unsere Posen beim Foto-Shooting, diese Musik, die Schlaghosen! Wir haben provoziert damit. Aber man musste auffallen. Das haben wir ganz gut geschafft.

tip Es gab haufenweise Fans, aber auch Selig-Hasser.
Plewka Viele dachten: Das ist eine designte Band, das kann gar nicht anders sein. Das ist eine gemachte Band, die irgendwelche Produzenten zusammengestellt haben. Das lag daran, dass uns einfach keiner kannte, weil wir aus den Outskirts von Hamburg kamen. Aber das stimmte nicht. Wir haben uns selbst designt, selbst kreiert – und sind in diesem kleinen Kosmos durch die Welt gezogen. Wir haben auch versucht, uns weiterzuentwickeln, irgendwie. Aber es ging nicht mehr weiter.

tip Warum eigentlich genau?
Plewka Weil wir bald nur noch zu fünft waren – der Rest der Welt war nicht mehr da. Wir hatten auch kein Sozialleben mehr. Das war dann eine langweilige Ehe. Wo du denkst: „Jetzt isst der einen Apfel, schon wieder.“ Man konnte sich nicht mehr ertragen.

tip Warum bringt man es dann zehn Jahre nicht fertig, miteinander zu sprechen?
Christian Neander Das hatte mit gegenseitiger Enttäuschung zu tun, denke ich. Ich war enttäuscht, dass er einfach abgehauen ist …

tip Jan Plewka zog sich überraschend mit Frau und Kind nach Schweden in eine Holzhütte zurück, was 1997 praktisch das Ende der Band bedeutete …
Neander … und er war vielleicht enttäuscht, dass ich das nicht gesehen habe, wie es ihm ging. Das ist natürlich komplexer, aber damit hatte es, glaube ich, zu tun. Das war ja das Wichtigste in unserem musikalischen Leben. Und gerade wie wir beide alles zusammen geschrieben haben – das war schon eine sehr intensive – hm – Liebesbeziehung (lacht).

Interview: Ulrike Rechel

Foto: Mathias Bothor 

Lesen Sie das vollständige Interview in tip 07/09 auf den Seiten 66/67.

Selig, Kesselhaus, Do 19.3., 20 Uhr (ausverkauft)

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