Konzerte & Party

Sharon Jones im Huxleys

Sharon JonesSharon Jones spricht, wie sie singt: exaltiert. Sie flüstert, faucht und schreit, geübt in der Dynamik von Laut und Leise. Auch mimisch legt sie bisweilen eine solche Angriffslust an den Tag, dass der Gesprächspartner unwillkürlich ein wenig zurück­weicht. Dann wirft die Frau den Kopf in den Nacken und lacht schallend. Sie sei halt nun mal ein Temperamentsbolzen und habe sich so immer schon Respekt verschaffen müssen, von Kindesbeinen an. „Wenn du klein und pummelig bist“, erklärt sie wie entschuldigend, „brauchst du eine große Klappe und eine entsprechende Körpersprache“.
Weit gebracht hat sie es damit freilich nicht. „Too short, too fat, too black, too old“: dieses vernichtende Verdikt habe oft den Ausschlag gegeben, wenn sie sich irgendwo um einen besseren Job beworben habe. „Man hat es mir nie ins Gesicht gesagt“, sagt sie verächtlich, „das war auch nicht nötig, am Ende lief es darauf hinaus“. Geboren in Georgia, im Mai 1956, zog Sharon mit ihrer Mutter kurz darauf nach Brooklyn, verbrachte in ihrer Jugend jedoch einige Monate im Jahr bei Verwandten im Süden. Sie gos­pelte im Kirchenchor, versuchte sich mit ihren Brüdern an den Songs und Bewegungen von James Brown, nahm an Talentwettbewerben teil, tingelte mit Hochzeitskapellen, sang in Funk-Bands und bei Studio-Sessions. Nur nebenbei, denn Geld war damit nicht zu verdienen. Ihren Lebensunterhalt bestritt Sharon Jones mal als Gefängnisaufseherin, mal bewaffnet mit der Bewachung von Geldtrans­porten.
Die Wende kam 1996. Desco Records suchte eine Backing-Sängerin für Lee Fields, eine semi-legendäre Figur in der New Yorker Soulszene. Sharon überzeugte, eins führte zum anderen und bald hatte sich ein unwahrscheinliches Team etabliert: das resolute, lebenserfahrene Energiebündel Jones und der noch sehr junge, eher ruhig-gelassene Tüftler Bosco Mann. „Ich war zunächst skeptisch“, erinnert sich Sharon, „dieser jüdische Junge entsprach so gar nicht meinen Vorstellungen eines mit allen Soul-Wassern gewaschenen Tonmeisters, aber ich sollte mich gründlich täuschen“. Was die beiden verband, erwies sich als stärker als trennende, äußerlich ins Auge stechende Merkmale: die Liebe zur Soul Music und vor allem tiefer Res­pekt für deren Tradition.
Und an dieser Stelle wird es musikphilosophisch. Denn richtig verstanden verbirgt sich hinter dem Tradieren von Musikstilen im Allgemeinen und von Soul im Besonderen nicht etwa der Ehrgeiz, Asche aufzubewahren, sondern das Feuer zu bewahren. Es geht um Kontinuität und Entwicklung, weder um museale Mode noch um enthusiastische Rollen rückwärts. Letzteres insinuiert das vor allem im Soul-Kontext gern genommene, abschätzige Allerweltswörtchen „retro“, dessen Gebrauch sich ja generell schon deshalb verbietet, weil ihm kein definitorischer Wert zukommt. Old School trifft es freilich schon, was Sharon Jones & The Dap-Kings in ihrer New Yorker Soul-Manufaktur schmieden und auf den Bühnen der Welt zelebrieren. Stax-inspiriert, Funk-motiviert, Jazz-informiert. „Old school“, sagt Jones, „is an attitude“.

Foto: Steven Dewall

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