Konzerte & Party

Sicker Man und Gregor Schwellenbach im Berghain

Sicker Man

Tobias Vethake sitzt in seinem Auto, als ihn der Anruf des tip erreicht. Das ist für ihn nichts Ungewöhnliches. Wenn man Theatermusik macht, ist man häufig unterwegs. In diesem Fall sind es noch fünf Tage bis zur Premiere des Stücks „Fun“ im Jungen SchauSpielHaus in Hamburg. Regisseur Klaus Schumacher, zugleich Leiter der Einrichtung, arbeitet schon länger mit Vethake zusammen. Kontakte wie diese sind für einen Theatermusiker lebenswichtig, sie sichern sein Einkommen. Das heißt aber nicht, dass Vethake keine Musik mehr macht, wenn er wieder in seiner Weddinger Wohnung ist. Wann immer die Zeit es zulässt, beginnt sein zweites Leben als Aufnahmekünstler. Dann ist er Mitwirkender oder Alleinunterhalter bei Blainbieter, zero zero zero oder Mini Pops Junior. Sein Hauptaugenmerk gilt der Arbeit an Sicker Man. Unter diesem Namen hat er mehrere Alben auf seinem eigenen Label blankrecords veröffentlicht. „Es ist ein persönliches Projekt, bei dem es um die melancholische Seite von mir geht. Diese Seite geht auf die Anfänge zurück, als ich tagsüber gearbeitet und abends an eigenen Stücken gebastelt habe. Alles hörte sich leiser und gehauchter an, es steckt ein gewisser Grad an Erschöpfung drin. Das Gefühl eines kranken Mannes, wenn man so will. Das ist ein Stil von mir geworden.“
Im Oktober erscheint „Vicca Tantrum“, das siebte Album von Sicker Man. Es unterscheidet sich von den bisherigen dahingehend, dass es einen Erzählfaden und eine Hauptfigur gibt. Victor Tantrum ist ein Großstadtfuchs auf der Suche nach Identität, Liebe und Erlösung. „Ich habe im Fernsehen eine Doku über einen Fuchs gesehen, der am Nordbahnhof gewohnt hat. Als das Bahngebäude errichtet wurde, entdeckten ihn die Arbeiter im Rohbau und mussten ständig den Tierschutzverein anrufen, weil er immer wieder an diese Stelle zurückgekehrt war und sich dort heimisch fühlte. Sie haben ihn am Teufelsberg ausgesetzt und gehofft, dass er in der Natur sesshaft wird. Aber dem war nicht so.“ Vethake hält den Fuchs für ein gutes Sinnbild, weil er glaubt, dass er selbst weder eine musikalische noch eine menschliche Heimat gefunden habe. Er lebt seit 2000 in Berlin und mag die Stadt, weil man in ihr auf angenehme Art anonym sein könne. Man gehe in der Individualität auf, schaffe dabei aber keine Bindungen, gerade als reisender Musiker nicht. Auch in der Musik fühlt sich Vethake heimatlos. Mal tendiert er zum Pop, mal zu Experimenten. Gerne greift er in die Trash-Kiste. Auf seiner Soundcloud-Seite findet man Versionen von Lady Gagas „Poker Face“ oder LMFAOs „Party Rock Anthem“, die kaum Ähnlichkeiten mit den Originalen haben. Auf „Vicca Tantrum“ gibt er sich seriösen Stücken hin, in denen elektronische Flächen, Piano-Tupfer, kammermusikalische Elemente oder Naturgeräusche wie die einer klappernden S-Bahn vorkommen. Sie haben häufig etwas Beruhigendes an sich, ganz im Gegensatz zu dem Unwohlsein, das thematisch ausgedrückt wird.
Beim Release-Konzert wird eine Videoinstallation der israelischen Künstlerin Sharon Paz die Geschichte des Fuchses genauer veranschaulichen. Kiki Bohemia ist als Sängerin dabei. Vethake greift auf alte und neue Stücke zurück und will darauf achten, dass ein echtes Konzertgefühl entsteht. Live-Loops statt Laptop, so seine Devise.

Text: Thomas Weiland

Foto: Bianca Calandra

Sicker Man und Gregor Schwellenbach, ?Berghain/Kantine, Di 8.10., 21 Uhr, VVK 8 Euro zzgl. Gebühr

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