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Sido im Astra Kulturhaus

SidoEr ist gerade 29 geworden und seit zwölf Jahren im Musikgeschäft aktiv. Paul Würdig, besser bekannt als Sido, könnte also alles etwas ruhiger angehen lassen. Im Intro zu seinem neuen Album „Aggro Berlin“ informiert uns Sido denn auch, dass er auf einen Neubeginn aus ist und das He­rumpöbeln satt habe. Seine böse Seite, sagt er, sperre er jetzt einfach mal in den Schrank. Aggro Berlin, das lange Zeit von ihm mit gestützte Label, hat ja aufgehört zu existieren, da könne man auch mal seinen Cha­rak­ter überdenken. Dazu gehört es, reinen Tisch zu machen. Im Song „Hey Du!“ erzählt Sido, dass er kurz vor dem Mauerfall vom Ost- in den Westteil der Stadt ausreisen durfte. Seine Identität als „Ostler“ habe er verleugnet und sich dafür als Junge aus Lübeck ausgegeben, und das alles nur, weil man Schläge ris­kiert, wenn man im Wedding erzählt, man sei „von drüben“. An anderer Stelle verspricht Sido, sich künftig mehr um seinen Sohn zu kümmern. Es ist ein Album, auf dem es auffällig oft um Vergangenheitsbewältigung geht.

Doch Sido weiß, dass Nebengeräusche, am besten in Form von Skandalen, im Pop von heute genauso wichtig sind wie die eigentliche Musik. Andererseits ist er inzwischen so etwas wie salonfähig. Er war schon Jurymitglied bei der Castingshow „Popstars“ und hat sich von Renate Künast und Frank-Walter Steinmeier persönlich erklären lassen, warum er zur Wahl gehen soll. Die ganz große Flegelnummer, die Sido bekannt gemacht hat und die er im Grunde seines Herzens so liebt, kann er unter eigenem Namen kaum mehr bringen. Um dennoch auch Böses  ausleben zu können, wird er schizophren. Sido solo veröffentlicht bei der Industrie, liefert verhältnismäßig vernünftiges Zeug ab und flirtet sogar ein bisschen mit dem Konsens (man achte auf den Naidoo-Vibe in „Wenn das alles ist“!). Als Anführer der schon länger exis­tierenden Gang Die Sekte und Betreiber des Indie-Labels Sektenmuzik haut er dagegen „Westberliner Rap in deine Fresse“. Es ist ein misanthropischer Albtraum voller Gesülze von Proleten, die verzweifelt das Image der ewig asozialen Teenager hochhalten wollen. Ordinär, derb und brutal reimen sich die Randalierer über einen nicht enden wollenden Amokparcours der Worte. Spätestens nach vier Stücken hat man Ohrenschmerzen von diesen mo­no­tonen Injurien, die sich anhören, als hätte jemand mit zwanzigjähriger Verspätung Texte von N.W.A. und Geto Boys übersetzt. Für einen 29-Jährigen ist das absolut unwürdig.

Viel besser hört es sich an, wenn sich Sido mit Samy Deluxe für einen Track zusammentut und köstlich über den „Seniorenstatus“ amüsiert: „Ich bin so alt, ich kenn’ die Bee Gees noch, guck’ mich und Samy an, wir zwei sehen aus wie ZZ Top“. Sido ist jetzt eindeutig ein alter Rap-Sack. Aber er kann Witze darüber machen. So muss es sein.     

Text: Thomas Weiland
Foto: CMS Source

(Unberechenbar)

Sido im Astra Kulturhaus
So 13.12., 20 Uhr, VVK: 22 Ђ
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