Konzerte & Party

Signa und der Club Inferno

Club_InfernoDie Hölle kostet vor allem Zeit. Eine ganze Ewigkeit lang. Allein um eine Eintrittskarte für den „Club Inferno“ der Performancegruppe Signa zu bekommen, müssen Sie schon ein wenig Geduld aufbringen. Die Performance selbst wiederum kann Stunden dauern und verlangt nach Ihrer kostbaren persönlichen Erfahrung, mit der Sie nicht geizen sollen. Nicht umsonst faucht auf der schließlich ergatterten Einladungskarte die Dantesche Wölfin der Habgier und bittet mich um exakt pünktliches Erscheinen zur individuell abgestimmten Zeit, schwarze Abendgarderobe, das Ausziehen meiner Schuhe und nicht zuletzt darum, anständig zu schweigen, falls ich nicht direkt zum Quasseln aufgefordert werden sollte. Was dann paradoxerweise ziemlich häufig geschehen wird im „Club Inferno“. All dem komme ich gerne höflich nach: zunächst einmal Schnauze halten.

„Schöne Krawatte“, sagt der angebliche Clubbesitzer Herbert Godeux, unser Vergil für diesen Abend, und führt mich in das Performance-Inferno, ein durchaus liebevoll in einer Fabriketage nachgebautes Luxus-Bordell, dessen einzelne Zimmer ziemlich buchstäblich einige der Orte in den Danteschen Höllenkreisen in Szene setzen – Wüste der Sodomiten, Wald der Selbstmörder, Rad der Fortuna, kotbeschmierte Matratze in den Übelgräben der Heuchler und Diebe, und so weiter und so fort … Einige der zahlreichen Bordellangestellten sind zugleich auch Dantesche Figuren, andere nicht. Bühne und Allegorie aber ist hier alles. Da muss man nur noch versuchen, irgendwie auf Touren zu kommen, ohne allzu viel vom überteuerten Wodka zu trinken, der hier der allgemeine Treibstoff ist. Tatsächlich langweilt mich der ganze aufgewärmte Bildungsschmarrn, mit dem man in diesem „Club“ an jeder seiner Ecken konfrontiert wird. Selbst dessen degenerierteste Form, das Quiz, bleibt einem nicht erspart.

Club_InfernoDer Puffkram hingegen ist einfach viel zu aufdringlich niedlich und natürlich auch nicht ernst gemeint genug (im Sinne problemlos gehandhabter Transaktionen), als dass man anders als peinlich berührt darauf reagieren könnte. Das ungute Gefühl des Grobgestrickten, Abgekarteten und Routinierten in der Inszenierung der Situationen lässt sich einfach nicht abstellen, erst recht nicht, wenn man darüber nachdenkt, wie obszön affig es eigentlich wäre, dieses hübsche Gesicht dieser offensichtlich geldgeilen Schauspielerin jetzt schlicht zu küssen, sobald sie zusammen mit einem lästig neugierigen Sodomiten an meinem Hemd herumnestelt und mir die Krawatte auszieht, so wie die beiden es mit anderen Gästen und Theaterliebhabern Abend für Abend brav sich wiederholend auch machen. Warum aber kommt die Verruchtheit, die gespielte wie die unter Umständen echt ersehnte, bloß immer so traurig daher?

In einem Club regiert im Idealfall der Ausnahmezustand der unerwarteten Begegnung. Im „Club Inferno“ aber regieren Bildungsprogramm und ödes Psychodrama. Die vorgebliche Laszivität stellt sich im Voranschreiten des Abends immer erschöpfter und kaputter dar. Sie ist nichts weiter als betreute Regression. Am Ende steht dann doch die kleinbürgerliche ödipale Anekdote im Zentrum. Das schmutzige kleine Geheimnis, das Innenleben des Herbert Godeux, der winselnd am Boden liegt, weil die Scheiße aus seinem Arsch partout nicht ohne Nachhilfe eines der zuvorkommenden Harlekine tropfen will.

Text: Andreas Hahn

Foto: Erich Goldmann

tip-Bewertung: Zwiespältig

Club Inferno 9.–21.4., täglich außer montags, Anfangszeit nach Vereinbarung, Zugangsinformationen bei der Volksbühne, Karten-Tel. 240 65 777  

Mehr über Cookies erfahren