Konzerte & Party

Slash rockte die Max -Schmeling-Halle

Slash@Max-Schmeling-HalleDamit auch ja keine Zweifel aufkommen, wer hier der Star ist, steht er nach nicht einmal zwei Minuten zum ersten Mal ganz vorne im Scheinwerferlicht, stellt seine Gibson Les Paul senkrecht auf dem Oberschenkel ab und spielt eines dieser unnachahmlich schludrigen Solos. Der lederne Zylinder sitzt noch immer wie festgeschraubt auf der dunklen Lockenpracht und die Augen verbergen sich hinter kreisrunden Sonnenbrillengläsern. Nur ein charakteristisches Merkmal fehlt: Die Kippe, die er mit sich herumzutragen pflegte wie andere Leute ein Piercing oder eine Dauerwelle, ist aus dem Mundwinkel verschwunden. Slash hat das Rauchen aufgegeben und ist auf Snus umgestiegen, das sind kleine Tabakbeutel, die man sich unter die Oberlippe schiebt und die vor allem in Skandinavien sehr beliebt sind. Auch das Saufen und die Drogen musste er sich abgewöhnen, seit er vor zwölf Jahren auf der Bühne zusammenbrach und ihn ein durch langjährige Rock’n’Roll-Exzesse krankhaft vergrößerter Herzmuskel beinahe umgebracht hätte.
Wie ein kranker Mann sieht Slash allerdings nicht aus, als er in Begleitung von Myles Kennedy und den Conspirators die Bühne der Max-Schmeling-Halle betritt. Im Gegenteil: Er hat sich Furcht einflößende Oberarme antrainiert und präsentiert sich auch sonst in bester Verfassung, als er sich durch die Songs von seinem recht gelungenen neuen Album „Apocalyptic Love“ spielt – und durch einige Klassiker aus der Zeit, als er noch Mitglied der größten Band der Welt war. 20 Jahre sind seit der epochalen „Use Your Illusions“-Welttournee der Guns’n’Roses vergangen und selten zuvor hörte sich eine Gitarre so sehr nach Freiheit und nach Aufbruch und nach Sommer an wie damals. Während es sich bei den meisten Hardrock-Gitarristen seiner Generation um technikbesessene Angeber handelte, schienen ihm die Töne stets ohne die geringste Anstrengung aus den Fingern zu fliegen wie die Funken. In der Zwischenzeit hat Slash eine ganze Menge unwichtigen Schrott produziert, doch an seinem Instrument ist er eine Ausnahmeerscheinung geblieben. Dass Guns’n’Roses-Evergreens wie „Nightrain“ und „Mr. Brownstone“ an diesem Abend in Berlin noch frisch klingen und dass die neuen Stücke nicht nerven, ist aber auch der Stimme von Myles Kennedy zu verdanken, die sich anhört, als hätte man das fehlende Glied zwischen Robert Plant und Axl Rose in einem kalifornischen Genlabor nachgezüchtet.
Leider erlaubt sich Slash ausgerechnet beim Jahrhundert-Solo von „Sweet Child O’Mine“ einen offenbar technisch bedingten Aussetzer und verschwindet kurz hinter der Bühne, um den Faden erst bei den letzten Takten des Stücks wieder aufzunehmen. Der Patzer ist jedoch spätestens beim Finale von „Paradise City“ vergessen, als Slash auf die Knie geht, die Gitarre noch einmal auf dem Oberschenkel abstellt und zu einem letzten Alleingang ansetzt, bevor er die Bühne für Mötley Crüe frei macht, die vorgeblichen Headliner des Abends.

Text: Heiko Zwirner

Foto: POP-EYE/Kriemann

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