Konzerte & Party

Slut-Gitarrist Rainer Schaller im Interview

slut_alienFür Euer aktuelles Album „Alienation“ habt Ihr gleich mit fünf Produzenten gearbeitet. Wie bringt man die unter einen Hut?
Das war erst im Nachspiel schwierig, als es darum ging, die ganzen Backups zu besorgen, das fertige Master an zu hören und abzusegnen.

Jeder Produzent hat seine Handschrift und fungiert nicht zuletzt immer auch als kurzzeitiges Bandmitglied …
Das stimmt. Wir sind durch die Arbeit mit ihnen viel in Deutschland herumgekommen, haben aber eh nie klare Grenzen gezogen. Es gab die Songs, aber kein abschließendes Konzept, wie sie aussehen sollten. Zudem sind Tobias Levin, Olaf Opal, Mario Thaler, Oliver Zülch und Tobias Siebert für uns keine Unbekannten. Es war also eher ein Wiedersehen unter Freunden als ein wirklicher Aufwand.

Habt Ihr mit den Produzenten songgebunden gearbeitet?
Ja. Die Lieder waren in ihren Demoversionen schon so speziell, dass relativ schnell klar war, wer für die Produktion welches Songs infrage kommt. Tobias Levin macht sehr rhythmische Sachen und folgt seinem Bauchgefühl. Wir wollten aber auch Soundtüftler wie Olaf Opal oder Tobias Siebert, die mit Klängen sehr experimentell umgehen. Und wir wollten die sehr akribische, feinsinnige Art von einem Mario Thaler.

Ist diese Menge an Produzenten einen Form von Luxus?
Absolut. Vor allem, da dieser Luxus nichts mit Geld zu tun hat.

Aber hattet Ihr keine Bedenken, dass das Album bei so vielen Beteiligten in Fragmente zerfallen könnte?

Wir waren selbst etwas überrascht, wie gut das funktioniert hat. (lacht) Wobei wir alle aus einer gewissen Ursuppe kommen. Keiner der Produzenten kommt aus dem Hip-Hop oder so.

Die Aufnahmen haben Slut nach Berlin, Stuttgart, Weilheim, Hamburg und Bochum geführt, wo die Produzenten arbeiten. Das war sicher auch eine Reise in Kulturkreise, die eine gewisse Prägung in sich tragen. Bringt das nicht eine kreative Unruhe mit sich?
Nein. Bei langen Studioaufenthalten gab es bei uns immer eine Zeit, in der wir in ein Loch gefallen sind, wo nichts passierte. Diesmal fühlte es sich immer wie ein Endspurt an. Das hat den Songs sehr gut getan.

Setzt ihr Euch mit Marketingstrategien auseinander?
(Lachen) Nein, nicht wirklich.

Anders gefragt: Wie kann Musik im heutigen digitalen Setting nicht Ramschware sein?
Natürlich denkt man über Sachen wie Spotify nach. Die CD als Produkt ist ja komplett entwertet. Darum versuchen wir vieles selbst zu machen, immer in der Hoffnung, dass wir so etwas bewegen können, weil es authentisch ist. Mir persönlich ist diese Diskussion um digitale Verwertung aber viel zu viel. Ganz ehrlich. Ich bin schon lange nicht mehr auf Facebook. Es hat mich wahnsinnig gemacht. Ich muss mich beschränken können, denn man streut sich sonst zu sehr. In der Musik ist es wichtig, fokussiert zu bleiben.

Facebook und Twitter bieten eine Möglichkeit der Entfaltung, sie können aber auch Entfremden.

Absolut. Im Urlaub zu sein und alles hinter sich zu lassen, kein Internet zu haben, nicht erreichbar zu sein – das tut unglaublich gut. Und es ist heute ein Luxus.


Wäre Musik, die genau so subventioniert würde, wie das Theater, für Dich eine angenehme Vorstellung?
Es gibt ja Formen der Subvention wie etwa die Bundesinitiative für Musik. Aber generell würde eine Subvention wie im Theater nicht funktionieren. Man hätte mit zahlreichen Institutionen zu tun, müsste Fristen einhalten oder Businesspläne schreiben. So etwas wiederspricht unserer Auffassung von Musik. Subvention ist Bürokratie. Und kreativ würde das überhaupt nichts bewirken.

Habt Ihr jemals überlegt, Eure Alben im Selbstvertreib heraus zu bringen?
Das haben wir lange abgewogen. Aber es ist finanziell einfach nicht machbar, u.a. deshalb, weil man Leute anstellen müsste. Mit unserem jetzigen Label Cargo sind wir sehr zufrieden. Gerade im Vergleich zu unseren Major-Jahren ist jetzt alles sehr unkompliziert und schnell. Mit kleineren Labels arbeitet man auf Augenhöhe.

Man ist also nicht nur Konsumgut?
Richtig.

Kannst Du von der Musik leben?
Keiner von uns. Das ist auch wichtig.

Das bedeutet?
Dass man nicht drauf angewiesen ist und sich auch mal frei machen kann. Wir können so arbeiten, wie wir wollen, ohne darauf achten zu müssen, welche Fristen es gibt.

Ein Künstlerdasein ist dennoch kein Luxus, den man sich nimmt oder nehmen muss.
Nein. Im Gegenteil. Es ist sehr anstrengend.

Bedeutet Muße nicht auch Zeit zu besitzen und letztlich finanzielle Sicherheit?

Bei mir gibt es eine Dringlichkeit, Musik zu machen. Da nehme ich es gern in Kauf, auch mal aufs Geld zu verzichten.

Interview: Martin Daßinnies

Slut Lido, So, 12. Januar, 21 Uhr

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