Konzerte & Party

Sonic Youth in der Columbiahalle

Sonic YouthAndererseits lebte es sich als kultisch verehrte Legende auch nicht schlecht. Gegen Ende des Jahrtausends machten Sonic Youth aus der vermeintlichen Not eine Tugend – und verzichteten vollends auf Crossover-Effekte – Freejazz-Experimente statt Anbiederung an den Zeitgeschmack. Bezeichnenderweise ist ihr aktuelles Album „The Eternal“ nach jahrelangen Universal-Verträgen (an denen sie ordentlich verdient hatten) wieder bei einer kleineren, unabhängigen Plattenfirma erschie­nen. Sie kamen aus der Underground-Szene und gehen jetzt – mit Anfang bis Mitte 50 – wieder dahin zurück. Ein klassischer full circle einer reichhaltigen wie disziplinierten Karriere, die jedoch stets mit angezogener Main­stream-Handbremse verlief. Oder anders gesagt: Das Schreiben von konventionellen Hits (und sei es ein Grunge-Klopper!) gehörte nicht zu ihrem Programm.
Sonic Youth sind auch ohne das übliche Top-Ten-Programm zur Weltmarke geworden. In Musikalien-Fachmagazinen wie „Guitar Player“ war früher gelegentlich von musician’s musicians die Rede, wenn gemeinhin unbekannte Bekannte gemeint waren. Im Mainstream-Sinne haben Sonic Youth diese Definition für die Nullerjahre neu definiert. Insbesondere für jüngere Rockfans müssen sie mittlerweile wirken wie professorale Legenden aus der wilden Ära des Punk’n’Roll. Heilige aus einer Zeit, als man in Manhattan noch von Crackjunkies erschossen werden konnte und HipHop, House und No-Wave Tür an Tür in Abbruch-WGs wohnten.   
Sonic YouthEs ist mittlerweile eine hoch amüsante popgeschichtliche Betrachtung, wie sich die internationale Plattenindustrie ein Jahrzehnt lang an Sonic Youth abgearbeitet hat. Mit all den Missverständnissen und Peinlichkeiten, die passieren, wenn musikalischer Underground und Big Business aufeinanderprallen. Sonic Youth haben diese Friktionen durchlebt und schlussendlich überlebt. „Denen kann keiner mehr was“, sagte jüngst ein Besucher der Düsseldorfer SY-Ausstellung „Sensational Fix„. Im Gegensatz zu ihren vielfach impulsiveren, doch heutzutage nur noch Retro-Opa-peinlichen Kollegen aus Großbritannien (siehe Sex Pistols & Konsorten), ist es Moore, Gordon, Ranaldo und Shelley gelungen, gehaltvoll zu altern. In der Musik, in der bildenden Kunst und in den Ahnenhallen des Underground.

Text: Ralf Niemczyk

Foto: Andrews Kesin 

Der Autor hat David Brownes Sonic-Youth-Biografie „Goodbye 20th Century“ übersetzt, die gerade im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist.

Sonic Youth, Columbiahalle, Mi 21.10., 20 Uhr, VVK: 33 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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