Konzerte & Party

Sonic Youth in der Columbiahalle

Sonic YouthAm 9. Juni 1984 war es soweit. Kim Gordon, aufgewachsen an der Westcoast zwischen späten Hippieträumen und Collagen-Kunst, heiratete in der US-Provinzstadt Bethel ihren langjährigen Freund Thurston Moore, seines Zeichens Frontmann und Gründer der New Yorker Band Sonic Youth. Die kirchliche Trauung mit Dorfpfarrer und dreistöckiger Zuckerbombentorte wirkte wie eine Mischung aus Landpomeranzentum im weißen Rüschenkleid (Gordon), Lässigkeit in Slackerklamotten (der Freun­des­kreis von Moore ) und ein wenig Rock’n’Roll. „Die Feier entsprach im Großen und Ganzen den gesellschaftlichen Standards“, beschreibt Sonic-Youth-Biograf David Browne diesen Frühsommertag in Connecticut. „Bis auf den Moment, in dem Bert zu Lydia Lunch rüberschaute, die sich auf einer Bank herumdrückte und – wie er feststellte – keine Unterwäsche trug.“ Die kleine Provoka­tionsnummer der Sexkrawall-Queen Lunch aus dem East Village sollte aber dann auch die einzige Hardcore-Aktion bleiben. Post-Punk-Attitüden treffen auf Bildungsbürgerkonventionen in der US-Provinz.
Wenn Sonic Youth nun in Berlin gut 25 Jahre nach dieser eher unspektakulären Trauung – insbesondere im Hinblick auf andere Hochzeiten im Showgeschäft – zu ihrem einzigen Herbstkonzert in Deutschland antreten, dann haben sie die spröden Jugendjahre zwischen Feedback-Gewittern und Indie-Elend weit hinter sich gelassen. Mit einem ausufernden Repertoire, mittlerweile zwei Bio­gra­fien und diversen Museums­ausstellungen gehören sie längst zu den Ehrenspielführern des Ami-Rock. Vorsprung durch Art-School-Krach. Auf der 1990 veröffentlichten EP „Dirty Boots“ sind einige Liveaufnahmen aus ihrer schubbrigen Bühnenvergangenheit zu hören. Etwa das herausgerotzte „White Kross“ oder der Garagenklassiker „Eric’s Trip“. Seit damals sind Sonic Youth einen weiten Weg gegangen.
Sonic YouthWobei sich Sound und Songwriting der Band über drei Jahrzehnte hinweg gar nicht mal so rasant verändert haben. Die bewusst verstimmten Gitarren, die kreischenden Soundwände, der näselnde Coolness-Gesang – mit dieser stoischen Mixtur wurden sie 2005 in die „National Recording Registry“ aufgenommen – das offizielle Staatsarchiv der amerikanischen Rockmusik. Das hier gelistete Album „Daydream Nation“ aus dem Jahr 1988 wirkte zuvor als Blaupause für Dutzende Grunge- und Alternative-Nachfolger und wurde fast 20 Jahre später als große Live-Revue für einige internationale Bühnen­shows 2007 neu arrangiert.
In David Brownes Sonic-Youth-Geschichte „Goodbye 20th Century“ wird gleichzeitig deutlich, wie sehr Sonic Youth in all den Jahren dem wirklich großen kommerziellen Erfolg nachgelaufen sind. Ein ums andere Mal hatten insbesondere Mastermind Thurs­ton Moore und „Schatzmeister“ Lee Ranaldo damit zu kämpfen, dass ihre vielfach etwas einfältigen Epigonen die Platinscheiben einfuhren, während es für Sonic Youth, was die schnöden Verkaufszahlen betrifft, seit Mitte der 90er langsam, aber sicher bergab ging. Zwar waren sie während ihrer Zeit beim größten Majorlabel Universal Music nachweislich für die Millionen­erfolge von Nirvana oder Beck mitverantwortlich, doch Stadionrock-Abräumer wurden sie nie. Was ihnen spätestens nach ihrer wirtschaftlich höchst erfolgreichen, aber künstlerisch zweifelhaften Teilnahme beim Al­ter­native-Music-Tourzirkus „Lolla­pa­looza“ im Jahre 1995 klar wurde.

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