Oper

Sopranistin Nadine Sierra brilliert im „Falstaff“

Welt der Sünde: Sopranistin Nadine Sierra brilliert als Shooting-Star im „Falstaff“ an der Staatsoper

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Wenn du Sängerin werden willst, musst du eine Stunde täglich üben!“, sagte man Nadine Sierra als Kind. Seit sie sechs Jahre alt war, hatte sie sich ihr Berufsziel in den Kopf gesetzt. „Ich war abhängig vom Singen und konnte den lieben langen Tag den Mund nicht halten“, so die heute 30-Jährige. Die Abschreckung durch das Fleißgebot misslang. Wahrscheinlich waren die Gene schuld. Schon ihre Großmutter hatte Opernsängerin werden wollen, sich den Wunsch aber versagt. „Die Welt der Oper sei eine Welt der Sünde, hatte man ihr eingeredet“, so ­Sierra. „Was übrigens auch stimmt.“

In Zeiten von #metoo – auch in der Oper – muss man vielleicht darauf hinweisen: In diesem Genre geht es um Prostitution, Eifersucht und Intrige. „Und nicht nur in den Stücken!“, so Nadine Sierra. „Schauen Sie sich das Foyer de la Danse in der Pariser Oper an, wo die Herren des Jockey Club nach den Vorstellungen die jungen Künstlerinnen treffen durften – direkt im Theater!“ Als Sierra jung an der Palm Beach Opera anfing, habe ihre Mutter sie noch beschützt. Wer blendend aussieht wie Nadine Sierra, für den (oder die) stellt sich mitunter die heikle Frage: Liegt mein Erfolg ganz an künstlerischen Qualitäten? Oder haben Männer die Verträge gemacht?

In Berlin wurde Sierra mitentdeckt, insofern Daniel Barenboim sie als Amor in Glucks „Orfeo“ und aktuell als Nannetta in der Neuproduktion des „Falstaff“ besetzte. Im Juni nächsten Jahres wird für sie extra ein neuer „Rigoletto“ an der Staatsoper produziert. Der erstaunlich dunkel grundierte Sopran glimmt und gleißt, wie man dies von einer amerikanischen Sängerin erwarten darf – hat aber tiefere Farben.
Die aus Florida stammende Künstlerin hat den Live-Eindruck bei ihrem CD-Debüt auf dem Berliner Label Deutschen Grammophon sogar noch übertroffen. Der auf „There’s a Place For Us“ präsentierte amerikanische Cocktail aus Werken von Bernstein („West Side Story“, „Songfest“ etc.), Villa-Lobos („Floresta do Amazonas“) bis hin zu Ricky Ian Gordon und Osvaldo Golijov bekommt ihrer modernen Lyrik ausgezeichnet. Sie war gut beraten, oder hat sich selbst gut beraten.

In der etwas bemühten „Falstaff“-Inszenierung von Mario Martone (der vom Film herkommt) ist Nadine Sierra ein einsamer Höhepunkt. Barenboim, wenn man höchste Maßstäbe anlegt, kehrt mit zu breitem Besen; mal zu strohig, mal zu drahtborstig, so dass ihm die feinen Details, die den Reiz des Werkes ausmachen, entgehen. Es gibt einen leichten „Götterdämmerungs“-Touch bei diesem „Falstaff“. Der Sänger der Titelpartie, ­Michael Volle, kommt von Wagner her, hat sich in den peinlichen Dickwanst indes vorzüglich eingefuchst. Wenn man dies weiß, kann man durchaus einen vorzüglichen, hochkarätigen Abend verbringen.

Zukünftig will Super-Sopran Nadine ­Sierra mehr Puccini singen, besonders Mimi in „La bohème“ und „Tosca“. Alles außer der tragischen „Madame Butterfly“. „Weil mich die Geschichte anpisst“, so Sierra. Selbst amerikanische Sängerinnen sind unverblümter geworden. Wie ihr Sopran: ungeschminkt, klar. Geht direkt durch, in beide Herzkammern.

Staatsoper Untern den Linden 7, Mitte, Do 20.12., 19.30 Uhr, So 23.12., 18 Uhr, Di 25.12., 18 Uhr, Di 1.1., 18 Uhr, Karten 12 – 95 €

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