Konzerte & Party

„Sound No Walls“ im Jüdischen Museum Berlin

Don Byron

Jüdische Musik – wir benutzen diesen Begriff so selbstverständlich wie Blues, Rock oder Techno. Doch was verbirgt sich tatsächlich dahinter? Sind es bestimmte Rhythmen, Sounds und Skalen, die auf jüdische Traditionen verweisen und auch Interpreten anderer Herkunft zugänglich sind? Das träfe zum Beispiel auf die Klezmer Music zu. Von Japan bis Feuerland gibt es Klezmer-Kapellen, deren Protagonisten weiß Gott nicht immer nur jüdischen Glaubens sind. Oder bezieht sich diese jüdische Musik auf einen stilistisch offenen Cocktail, der von Juden in dem Bewusstsein praktiziert wird, Jude zu sein? Für diese Haltung stünde wiederum die von John Zorn proklamierte Radical Jewish Culture. In den Neunzigerjahren entbrannten zwischen beiden Lagern hitzige Debatten um die wahre Lehre. Eine befriedigende Begriffsklärung steht freilich noch aus, aber die Gemüter haben sich zum Glück wieder abgekühlt. Tradition und Moderne, Extremismus und Assimilation besetzen längst gemeinsames Terrain.
Genau auf dieser Erfahrung baut das viertägige Festival Sounds No Walls auf. Juden und Nichtjuden werfen mit ihren Projekten ganz unterschiedliche Blickwinkel auf die musikalische Transformation moderner jüdischer Lebenswelten. Amerikanische, israelische und deutsche Künstler wie David Krakauer, Don Byron, Elliott Sharp, Efrat Aloni, Paul Brody, Dave Douglas, Anat Ford, David Moss, Avishai Cohen, Alan Bern oder Christian Brückner bevölkern für vier Tage ein Wimmelbild zwischen Klezmer-Avantgarde, freier Improvisation, Ambient, Jazz und Voice-Manipulation. Werden wir danach mehr Klarheit haben, was jüdische Musik ist? Kaum. Aber darum soll es auch gar nicht gehen. Sounds No Walls stellt verschiedenste Schattierungen eines Farbtons in den Fokus, der längst die ganze Palette der globalisierten urbanen Klangkultur durchdrungen hat.

Text: Wolf Kampmann

Sounds No Walls, Jüdisches Museum Berlin, Do 23.–So 26.6., 20 Uhr, VVK: 7 bis 29 Euro

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