Konzerte & Party

The Specials in der Columbiahalle

The Specials

Wenn man die Legenden des britischen Pop durchgeht, darf man nicht den Fehler machen und The Specials vergessen. Diese Band stand zwar nur knappe drei Jahre im Blickpunkt der Öffentlichkeit, aber in diesen drei Jahren waren die Leute aus dem englischen Coventry unschlagbar. Mit ihrem voll tanzbaren Ska-Rock bedienten sie ein Spezialgebiet, trotzdem zogen sie mit ihren Hits „Gangsters“, „A Message To You Rudy“, „Concrete Jungle“, „Too Much Too Young“ oder „Do Nothing“ alle Pop-Fans im Handstreich auf ihre Seite. Hinter dem überfallartigen Angriff steckte Jerry Dammers, ein Chefdenker mit Visionen. „Mir schwebte eine Revolution vor. Es ging mir um Harmonie zwischen den Rassen, um Frieden und Einheit. Aber es sollte nicht wie bei einer Gruppe von Hippies herüberkommen, die auf dem Boden sitzen und sich Amon Düül II anhören. Ich wollte das Establishment aus den Angeln heben und gleichzeitig eine Menge Spaß haben“, erklärte Dammers dem britischen Magazin „Mojo“ vor drei Jahren. Die Plattform für die Umwälzung hieß 2 Tone. Es war ein Plattenlabel für schwarze und weiße Musiker, für schwarze und weiße Musik und für Themen, die schwarze und weiße Menschen betrafen.
The Specials hatten ein klar konturiertes Image, das sich an den britischen Skins und Mods und an den westindischen Rude Boys orientierte. Man erkannte an der Kleidung, wer Teil der Gang war. Slipper, Springerstiefel, schwarz-weiße Anzüge, Sta-Prest-Hosen und Blue-Beat-Hüte gehörten zum Dresscode. In den Songs steckten der Sturm und Drang des Punk und das Groove-Gefühl der jamaikanischen Musik, die Texte drehten sich um Schwangerschaft von Minderjährigen, Straßengewalt und Rassismus. Auf dem zweiten Album „More Specials“ erkannte man Anzeichen von Weiterentwicklung und Zersetzung. Dammers berücksichtigte andere Richtungen der Weltmusik und Sänger Terry Hall fiel mit einem sarkastischen Tonfall auf, der für ihn typisch werden sollte. „It’s all a load of bollocks, and bollocks to it all“, sang er in „Pearl’s Cafй“. Zur Hölle mit dem ganzen Unfug? In der Tat. Hall stieg 1981 zusammen mit Gitarrist Lynval Golding und Sänger/Toaster Neville Staple aus und gründete mit ihnen die ebenfalls kurzlebige und formidable Band Fun Boy Three.
Etwas überraschend gibt es The Specials nun wieder, inklusive der Abweichler. Aber ausgerechnet jetzt treten sie ohne Gründervater Jerry Dammers auf. Der lebt nicht gerne in der Vergangenheit und kümmert sich lieber um sein Big-Band-Projekt The Spatial AKA Orchestra. Fragen nach dem Sinn und Zweck der Reunion sind somit berechtigt. Andererseits haben The Specials in gewisser Weise nie aufgehört zu leben. Es hat immer wieder Musiker gegeben, die von ihnen beeinflusst waren, allen voran Blur und die amerikanische Ska-Rock-Szene um The Mighty Mighty Bosstones, derentwegen es Mitte der Neunziger schon einmal zur Teil-Reunion kam. Aktuellstes Beispiel sind Kitty, Daisy & Lewis, die mit 2-Tone-Veteran und Specials-Posaunist Rico Rodriguez spielen. Und dann wäre da noch die politische Dimension, die Dammers so wichtig war. The Specials unterschrieben ihren Plattenvertrag am Vorabend der Wahl von Margaret Thatcher. Ihre unvergessene Single „Ghost Town“ handelt von einer explosiven Stimmung in britischen Städten, die sich bald in Krawallen entlud. Ein ähnliches Szenario gibt es auf der Insel heute wieder. Die Geschichte wiederholt sich.

Text: Thomas Weiland

The Specials, Columbiahalle, Di 20.9., 20 Uhr, VVK: 36 Euro

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