Improvisation

Splitter Music Festival

Im Spiel die Zeit vergessen: Das Splitter Orchester, Aushängeschild der Berliner Echtzeitmusik, feiert sich mit einem ersten Splitter Music Festival und lässt Sven-Åke Johansson auf den Pappkarton hauen

Foto: Gregor Hotz

Als Kind hat er auf den Kochtöpfen und Deckeln seiner Mutter zu spielen begonnen, erzählt der schwedische Komponist Sven-Åke Johansson in seiner Autobiografie, später auf Blecheimern und einem Weintraubenfass – und dazu Schlager gesungen. Möglicherweise keimte damals, in der Küche der Mutter, schon die Idee oder zumindest eine Ahnung des Werkes, das Johansson Jahrzehnte danach komponieren sollte: „Harding Greens – Symphonie für Kartonagen“. Schaut man sich den Mitschnitt der Uraufführung an, scheint zunächst alles wie in einem klassischen Symphoniekonzert: ein Dirigent, ein Orchester, eine Partitur, gespannte Stille. Doch dann streichen die Musiker nicht über die Saiten ihrer Violinen, sondern, nun ja, über Kartons in verschiedenen Formaten, als gehorchten sie dem lustigen Einfall eines verspielten Kindes.

Am Samstag ist die Kartonagen-Symphonie unter Johanssons Regie zum zweiten Mal live zu erleben, und zwar beim ersten Splitter Music Festival für experimentelle Improvisations- und Echtzeitmusik, das in der Wabe und im Ballhaus Ost stattfindet – der Puls der Szene schlägt noch immer im Bezirk Prenzlauer Berg/Pankow. Im Mittelpunkt des Festivals steht das 24-köpfige Splitter Orchester, das die Berliner Echtzeitmusik seit seiner Gründung 2010 prägt. „Wir haben den Wunsch, einmal im Jahr ein gutes Konzert in Berlin zu geben“, sagt Gregor Hotz, neben den Australiern Clare Cooper und Clayton Thomas Mitbegründer und Manager des Orchesters. In diesem Jahr wurde aber nicht nur ein gutes Konzert, sondern gleich ein viertägiges Festival organisiert – und dazu ein weiteres großformatiges Ensemble eingeladen: das Schweizer Insub Meta Orchestra, das am Donnerstag zur Eröffnung spielt und dann mit dem Splitter Orchester zum noch größeren Soundpainting Orchestra fusioniert wird.

„Wir wollen zeigen, dass es Orchester gibt, die ganz anders funktionieren“, sagt Hotz. Ganz anders als das Splitter Orchester, das keine Noten braucht und keine Chefs. Eigentlich gibt es nicht einmal einen Dirigenten – Johanssons „Symphonie für Kartonagen“ ist da eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Prinzipiell wird partiturenfrei improvisiert und alles Wesentliche basisdemokratisch aus­diskutiert – in flachen Hierarchien: „Künstlerische Entscheidungen werden bei uns im Kollektiv getroffen“, so Hotz, für den die Arbeit im Ensemble auch ein „soziales Experiment“ ist.

Foto: Les Femmes Savantes, by Anja Weber

24 Improvisationskünstler, darunter Autodidakten, Instrumentenbauer, Jazzer und klassische Musiker vom Konservatorium, die miteinander ringen, einander zuhören, die eigene Persönlichkeit hervorheben und sich dann wieder zurücknehmen müssen, im Wechselspiel von leisen und lauten, von akustischen und elektrischen Klängen. Die sich in den Fluss der Musik hineinbegeben und auch mal Unerwartetes tun müssen, ohne dabei den Fluss zu unterbrechen, um die im Augenblick entstehende Komposition auf die nächste Stufe zu heben. „Eine gute Improvisation lässt uns die Zeit vergessen“, sagt Gregor Hotz.
„Wir spielen kein Stück, wir konstruieren es“, so formulierte es der Avantgarde-Posaunist George E. Lewis, mit dem das Splitter Ensemble beim Berliner Jazzfest 2015 so wunderbar harmonierte. Damals kommunizierten die Musiker über Pappkarten mit Spielanweisungen: „Hör eine Weile auf zu spielen!“ oder „Unterbrich die Umgebung mit einem kurzen, rauen Klang!“ Aus der Zusammenarbeit mit George E. Lewis ist auch eine Aufnahme hervorgegangen, deren Veröffentlichung beim Splitter Music Festival gefeiert werden soll. Überdies treten kleinere Formationen aus dem Umfeld des Orchesters auf, etwa das Kollektiv Les Femmes Savantes (Foto) oder die Post-Rockbands The Still und Transmit.

Im Motto des Festivals „Music-Mining in Large Scale Formats“ klingt nicht nur die Arbeit im musikalischen Bergbau an, die kollektive Förderung der Rohstoffe Geräusch und Klang, sondern auch das „Data-Mining“: „die Kunst, aus einer unüberschaubaren Fülle sinnvolle Daten herauszuziehen“, erklärt Gregor Hotz. Ob das an den vier Abenden gelingt, ob sich aus der Vielstimmigkeit etwas Sinnvolles ergibt, ist kaum vorherzusehen. Es gilt wie für jede Improvisation:  Hören wir mal, was passiert!

Wabe & Ballhaus Ost Danziger Str. 101, Prenzlauer Berg, bzw. Pappelallee 15, Pankow, Do–So 24.–27.11.,
Eintritt: 10 Euro je Abend, www.splitter.berlin

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