Konzerte & Party

Stargaze im Heimathafen Neukölln

Stargaze

Es ist anderthalb Jahre her, dass Andrй de Ridder (Foto mittig links) ein ehrgeiziges Projekt aus der Taufe hob: ein festes Ensemble, das sich mit klassischen Arrangements in den Indie- und Electro-Bereich begibt. Weit weg vom Mainstream, allein auf der Basis wechselseitiger Neugier unter Gleichgesinnten. Stargaze hat der Berliner Musiker, der hauptberuflich als Dirigent tätig ist, die Unternehmung getauft. Mit einem locker verbundenen Kollektiv verschreibt er sich Projekten wie jenen, mit denen er sich in den letzten Jahren schon einen Namen als Grenzgänger zwischen Hoch- und Subkultur gemacht hat: etwa mit einer Oper von Damon Albarn beim Manchester Festival, der Live-Untermalung des jüngsten Albums von Уlafur Arnalds mit Elektronik oder der Aufführung des Albums „Hidden“ der britischen Art-Rock-Band These New Puritans. Damals, im HAU im Jahr 2011, dirigierte der 42-Jährige ein Kammerorchester, die Band sowie eine breit aufgestellte Percussion-Abteilung. Sogar eine ausgewachsene Melone kam zum Einsatz, die im Lauf der Songs zerschmettert wurde: Klangpartikel einer furiosen Noise-Pop-Minioper.
Damals sei „zum ersten Mal die Stargaze-Idee aufgekommen“, erzählt der Ensemblechef an einem schwülen Julivormittag in einem Teesalon, nicht weit von seiner Steglitzer Familienwohnung, die ihm auch als Probenort dient. „Es war die Initialzündung für uns. Wir überlegten, ob wir uns nicht zusammentun sollten und das Ganze fest organisieren sollten.“
Andrй de RidderSeit der Gründung Anfang 2013 „sind wir nicht mehr zur Ruhe gekommen, ein Projekt hat sich aus dem anderen entwickelt“, sagt de Ridder. Los ging es mit der Zusammenarbeit mit Matthew Herbert; damals interpretierte man gemeinsam auf einem Avantgarde-Festival in Köln das Stück „In C“ von Minimal-Komponist Terry Riley. Parallel dazu festigten sich die Kontakte zur Volksbühne und deren Musikkurator Christian Morin, der die Berliner Experimental-Klassiker mit regelmäßigen Konzerten ans Haus binden wollte und dafür die Reihe „Stargaze Presents“ im Programm verankerte. Bei einem ersten, mehrtägigen Festival im Februar musizierten die Multiinstrumentalisten gemeinsam mit Pantha Du Prince, Nils Frahm, Mouse On Mars und Tyondai Braxton, vor zumeist ausverkauftem Haus.
Als letzten Sommer auch noch das renommierte Haldern-Festival bei Stargaze anklopfte und die Berliner als eine Art Backing-Orchester für verschiedene Künstler während des gesamten Indie-Festivals verpflichtete, da war das für de Ridder ein weiterer Beleg dafür, dass er mit seiner Idee einen Nerv trifft. „Genau das ist es, was wir machen wollten: eine Brücke zu bilden zwischen avancierter Popmusik, Elektronik und zeitgenössischer klassischer Musik. Und wir dachten, das könnte den Leuten auf einem Popfestival Spaß machen.“
Grant HartDerzeit läuft der Betrieb wieder auf Hochtouren. Das neueste Projekt ist eine kammermusikalisch orchestrierte Umsetzung eines Albums, das eigentlich im Post-Punk zu Hause ist. „The Argument“ heißt der Konzeptbrummer von Grant Hart (Foto rechts), dem einstigen Songschreiber und Schlagzeuger von Hüsker Dü. Für de Ridder zählt das Power-Rock-Trio aus Minneapolis zu den ewigen Helden seiner Jugend. „Als ich hörte, dass Grant Hart dieses Album herausbrachte, interessierte mich das Thema gleich“, sagt er. Der Songzyklus basiert auf dem Barock-Epos „Paradise Lost“ von John Milton, mit Anleihen einer Bearbeitung von William Burroughs. Den Stoff um den biblischen Sündenfall und um Satans Höllenabstieg verdichtete Hart in einen Reigen von lauter knapp gehaltenen Art-Rock- und Garage-Pop-Nummern.
„Mir kam es erst vor wie eine komplett verrückte Idee, mit einer Ikone des psychedelischen Post-Punk und Hardcore ein Projekt mit Stargaze zu machen. Andererseits dachte ich: Warum eigentlich nicht?“, erinnert sich de Ridder. Es bedurfte letztlich keiner großen Überredungskunst, um den US-Indie-Veteran zu überzeugen, zumal Hart ursprünglich selbst an eine größer aufgezogene, theatralische Umsetzung der Musik gedacht hatte. Der Zufall wollte es, dass Hart schon bald nach de Ridders Eingebung ein paar Tage in Berlin weilte. „Plötzlich saß ich mit Grant in Berlin in irgendeinem Tchibo-Cafй und wir einigten uns auf das Projekt“, erzählt er zufrieden.
Für den Ex-Hüsker-Dü-Kopf dürfte die Begegnung mit den Berliner Klassikern gleichermaßen ein Glücksfall sein. Seinem Traum, „The Argument“ im Stile eines „Black Rider“ а la Tom Waits auf die Bühne zu bringen, kommt er damit einen Schritt näher. Auch der Dirigent sieht das Potenzial der „krassen Story“ um Abtrünnige und falsche Heilsbringer. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich aus einem Projekt direkt ein weiteres entwickelt.

Text: Ulrike Rechel

Foto oben: Stargaze

Foto mittig: Marco Borggreve

Foto unten: Shawn Brackbill

Stargaze-Ensemble, Heimathafen, Karl-Marx-Straße 141, Neukölln, Do 21.8., 21 Uhr, ?VVK: 20 Euro zzgl. Gebühr

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