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Streit um den Schokoladen

Schokoladen

Eines betonen sie immer wieder: Es ist ernst. Der Schokoladen sei in Gefahr, auch wenn die Räumung gerade wieder einmal verschoben wurde. An einem Freitagmorgen im April sitzen sie alle beisammen. Matthias Horn vom Schokoladen, Rechtsanwalt Moritz Heusinger, Mittes Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD), außerdem Bezirkspolitiker der Linken und Grünen – ein breites Bündnis aus Bezirkspolitik und Subkultur hat sich entschlossen, gemeinsam für den Bestand des integrativen Wohn- und Kulturprojektes Schokoladen zu kämpfen. Erste Schritte scheinen getan, vorläufig.
SchokoladenDenn mit dem Eigentümer des Hauses in der Ackerstraße 169–170, in dessen Erdgeschoss nicht nur der Schokoladen liegt, sondern auch der Club der polnischen Versager, das Theater TISCH im Schokohof und mehrere Ateliers, wird gerade ein Kompensationsgeschäft verhandelt. Markus Friedrich, Geschäftsführer des in Trier ansässigen Familienunternehmens, dem das Haus gehört, soll zu einem Preis verkaufen, den der Verein ihm vorschlägt. Dafür wird ihm ein Grundstück an der Elisabethkirche in der Invalidenstraße angeboten, das bisher dem Land Berlin gehört, zu Sonderkonditionen. Dort könnte er alles tun, was der Bebauungsplan zulässt: Gewerbe im Erd- und ersten Obergeschoss etwa, Wohnungen in den Stockwerken darüber. „Das Feedback war positiv“, erzählt Gothe, „er scheint das gut gefunden zu haben.“ Der Baustadtrat hofft, dass Friedrich sich darauf einlässt. Doch bisher hat Gothe noch kein Verhandlungsmandat vom Liegenschaftsfonds erhalten, erörtert wird diese Option erst Mitte Mai.
Seit 1990 sammeln sich unter dem Dach des Vereins Schokoladen die kreativen Projekte aus dem zuvor besetzten Haus an der Ackerstraße. Hier haben bis heute Künstler Ateliers und Bands Proberäume, für die sie nur eine geringe Miete zahlen müssen, Nachwuchsbands treten für das Eintrittsgeld und ein paar Freigetränke auf, der Schokoladen ist längst eine Institution, auch als Nistplatz der Berliner Freak-Folk-Szene. Noch immer versucht man sich hier an die ursprüngliche Idee der Gründer des Vereins zu halten: Kunst und Leben zu verknüpfen, selbstverwaltet, nicht kommerziell.
Schokoladen„Der Schokoladen steht für dieses Lebensgefühl, das in den Neunzigerjahren prägend für Berlin war und die Stadt bis heute berühmt macht“, sagte Gothe. Vor Kurzem habe er sich mit der Kulturverwaltung des Senats zusammengesetzt, um diese davon zu überzeugen, wie wichtig eine Institution wie der Schokoladen für Berlins Image ist, welche Anziehungskraft die Subkultur nicht nur auf Touristen, sondern auch auf Kreative aus aller Welt hat. Und im Grunde steht der Schokoladen auch für bürgerliches Engagement, wie es so oft von der Politik gefordert wird. Hier ist alles selbst gemacht, ohne Subventionen.
Seit vier Jahren kommt es hier, in einem der letzten unsanierten Häuser der Gegend, nun schon zu Rechtsstreitigkeiten mit dem Eigentümer, die aber aufgrund formaler Fehler nie existenzbedrohlich wurden. 2009 setzte man sich dann zusammen, die Leute vom Schokoladen boten an, das Haus für eine Million Euro zu kaufen. Friedrich aber lehnte damals ab. Und die jüngsten Ereignisse um die Liebigstraße 14, um das Kunsthaus Tacheles und den Kunstverein Acud geben nun ein wenig Hoffnung auf eine Lösung, bei der der Schokoladen erhalten bleibt.
Für Friedrich wird es jetzt wohl vor allem ein Rechenspiel. Was muss er für das Haus an der Ackerstraße zahlen, wie viel kann er mit dem Alternativgrundstück verdienen? Ausschlaggebend wird dabei vermutlich nicht einmal der Schokoladen sein, sondern die Mieter, die darüber wohnen. Sie aus ihren Wohnungen zu klagen, wird eine Menge Geld kosten und vor allem Zeit. Ob Friedrich die hat, ist fraglich. Das zumindest hofft das Bündnis am Frühstückstisch.

Text: Anne Lena Mösken

Fotos: Oliver Wolff

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