Konzerte & Party

Sufjan Stevens im Admiralspalast

Sufjan Stevens

Sufjan Stevens ist der Albtraum aller Promo-Leute im Musik-Business: Zur aktuellen Tour hat er mal eben sämtliche Interviews abgesagt und somit die ein oder andere Cover-Story verschenkt. Aber Sufjan Stevens ist auch der Traum aller Promo-Leute: Die Konzerttickets verkaufen sich nämlich quasi von selbst, auch ohne Marketingmaschine. Guardian, Telegraph und Independent überschlagen sich geradezu bei ihrem Lob der Auftritte im UK. Auch für die beiden Berliner Konzerte im Admiralspalast gibt es nur noch ganz vereinzelt Karten.
Woher kommt der Hype um den 40-jährigen Brooklyner, zu jung, um als Klassiker durchzugehen, zu alt um noch als Geheimtipp zu gelten? Nun, er hat mit „Carrie & Lowell“ vermutlich die Platte seines Lebens aufgenommen. Es geht um den Tod. Den seiner Mutter. „Das ist nicht mein Kunstprojekt“, sagt Stevens in einem seiner raren Statements, „das ist mein Leben“. Klar, dass er dazu nicht aus dem Nähkasten plaudern kann.
Benannt ist das Album nach seiner Mutter und seinem Stiefvater. Eine Dreiviertelstunde lang kreisen die aufs folkige Skelett enthäuteten Songs um Sterblichkeit und Erinnerung. Fragile Melodien, gedoppelte Vocals. Da nimmt es nicht Wunder, dass Stevens besonderes Zartgefühl in ansonsten allzu oft vernachlässigte Outros legt: Echos des Vergehens. Deshalb ziehen sogar Vergleiche zu Simon & Garfunkel oder Phil Spector zu kurz.
Die elf Songs fühlen sich an wie sonnengebleichte Polaroids mit ursprünglich dunklen Farben: der kleine Junge, der sich ängstigt in der Welt da draußen. Oder eine Karussellfahrt der Erinnerung: Drei oder vier ist der junge Sufjan, als seine Mama die Familie vor der Videothek für immer zurücklässt. Leicht wie eine Feder, leuchtend wie der Wind in Oregon fühlt er sich im Leichenhemd. Schwimmen und Liebe lernt er. „You checked your texts while I masturbated / Manelich, I feel so used“ heißt es im herzzerreißenden „All of me wants all of you“. Manelich, der Lover oder feste Partner Sufjan Stevens? Auch darüber schweigt er sich aus. Outros statt Outing.
In „The Only Thing“ erzählt einer über das Einzige, was ihn davon abhält, nachts mit dem Wagen in den Canyon zu stürzen oder sich den Arm aufzuschlitzen und in die Holiday-Inn-Badewanne zu fallen. Soll er sich die Augen auskratzen, bevor die zuviel erblicken? An König Ödipus und das sagenhaft enge Verbandeln mit der Mutter darf man denken. „Mondblut auf uns alle“, beschwört Stevens herauf. Kein Kunstprojekt eben, sondern das Leben. Und zu dem gehört natürlich: der Tod.

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Emmanuel Afolabi

Sufjan Stevens, Admiralspalast, Friedrichstraße 101, Mitte, Mi 16.9. + Do 17.9., 20 Uhr, ?VVK 42 Euro zzgl. Gebühr

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