Konzerte & Party

Sufjan Stevens im Admiralspalast

Sufjan Stevens

Es blubbert, pluckert, pumpt in Sufjan Stevens’ neuen Songs. Holzbläser-Arrangements und Chöre verschwimmen, Melodien verästeln sich flink nach Art von Zellteilungen unterm Mikroskop. „The Age Of Adz“, jüngster Album-Monolith des Songwriters aus Brooklyn, weckt Assoziationen an einen atmenden Organismus mit schwer zu durchschauenden Verschaltungen. Nicht dass Stevens’ Songs früher leicht zu knacken gewesen wären. Wo doch schon das Vorgängerwerk „Illinoise“ von 2005 gesalzen war: angefüllt mit 22 Stücken, die sich inhaltlich diverse Aspekte des gleichnamigen US-Bundesstaates vornahmen; was ungefähr so klang wie die Vertonung des „Wizard of Oz“ im Hausmusik-Modus samt Glockenspiel und Piccolo-Flöte, dazu einer Stimme, so introspektiv wie die von Elliott Smith.
Sufjan StevensSpätestens seit „Illinoise“ gilt Stevens als wichtiger Impulsgeber der jungen Neofolk-Welle. An allen Ecken und Enden scheint der Multiinstrumentalist seither aufzutauchen: als instrumentaler Allrounder für Künstler wie Rosie Thomas, Ben & Vesper oder The National, als Filmemacher mit einem Projekt über die New Yorker Schnellstraße „The BQE“; neben dem Filmsoundtrack gab es 2010 auch mal eine neue EP. Fünf Jahre sind auf die Weise verstrichen. Doch statt der Welt nun den dritten Teil seines augenzwinkernden „Großprojekts“ zu liefern, wonach Stevens jedem der 50 US-Staaten ein eigenes Album widmen wollte, zog er es vor, Erwartungen in diese Richtung zu unterlaufen. „The Age Of Adz“ hat nicht mehr viel zu tun mit der musikalischen Kartografie des Heimatlandes. Eher legt der Songschreiber eine Landkarte seiner selbst an: Die Musik erinnert an eine zersplitterte, teils undurchdringlich wirkende Meditation über den Tod, über Krankheit, Sex und Liebe – Panik-Attacken inklusive. Auslöser für die epische Selbstbetrachtung ist eine ernste Viruserkrankung, die sich der 35-Jährige 2009 zuzog und die sein Nervensystem sehr schmerzintensiv beeinträchtigte. Monatelang habe ihn die Krankheit lahmgelegt, erzählte er. Statt mit Harmonien befasste sich der Multiinstrumentalist mit Befunden von Neurologen. Das Album dreht sich folglich wie „besessen“ um das Thema Sinneserfahrungen; es sei „Ergebnis meiner Auseinandersetzung mit gesundheitlichen Fragen, einem Prozess, der mich stark mit meinem körperlichen Ich in Kontakt gebracht hat“, so Stevens. Auf Musik übertragen heißt das zunächst einmal kühnes klangliches Neuland und wuchernde instrumentale Masse. Die neoklassische Harmonie der „Staaten“-Alben „Michigan“ und „Illinoise“ scheint aus den Fugen, Stevens dreht sie durch die psychedelische Mangel, überbaut Orchesterklänge mit brummenden Keyboards, billigen Casio-Tönen, Breakbeats oder auch mal quäkenden Autotune-Gesangsfiltern. Poetisch-süß ist das nicht immer, der episodisch unterteilte Song-Bandwurm „Impossible Soul“ etwa ist ein überreizter Brocken – so anstrengend wie die experimentellsten Freispiele der Flaming Lips. Dennoch landete der Genesene damit erstmals unter den Top 10 der US-Charts. Das neu gewonnene Mainstream-Publikum wird der studierte Oboist dennoch kaum in die Flucht schlagen. Vielmehr scheint das sperrige Opus auf ähnliche Weise ins Sufjan’sche Gesamtwerk einzugehen wie „Kid A“ im Fall von Radiohead oder Björks „Medulla“. Wie bei den Vorbildern steckt darin eine emotionale Dringlichkeit, die dem Kopfkonstrukt Leben einhaucht.

Text: Ulrike Rechel

Sufjan Stevens, Admiralspalast, Sa 7.5., 21 Uhr, ausverkauft

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