Konzerte & Party

„Swans“ in der Volksbühne

Swans

Wie das kommende Jahr aussieht, weiß Kris­tof Hahn ziemlich genau. Er wird die Welt bereisen – nach Japan, Australien, Neuseeland, Russland. „Viel Landschaft und Garderoben“ wird er sehen, vermutet der Berliner Gitarrist. Anlass zum Großaufbruch ist die Welttournee der Swans, New Yorks Extrem-Klangwerker um Endzeitpoet Michael Gira. Seit Kurzem ist Hahn dort wieder festes Mitglied – zum zweiten Mal, nach dem vorläufigen Ende 1997. Vergangenen Sommer hatte Bandkopf Gira plötzlich wieder Lust auf seine genreprägende Noise-Truppe, die den Postrock der Neunziger prägte. „Als er anrief und fragte, ob ich dabei bin, habe ich gesagt: ‚Gern.‘ Als ich hörte, dass auch Norman Westberg mit dabei sein würde, der Gründungsgitarrist, war das umso schöner.“ Wo die beiden US-Exzentriker ganze zehn Jahre kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt hatten. Für den Berliner Saitenveteran ist das Kräfteverhältnis der Swans ein klarer Fall: „Michael ist der Chef, wir setzen seine Ideen um“, resümiert er, „Wir gehören allerdings auch zu den wenigen Menschen, die das können.“
Das Ergebnis – das neue Album „My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ – taucht bereits jetzt in vielen Indie-Jahresbestenlisten auf. Es klingt faszinierend auf beklemmende Art, angefüllt mit mechanischen Drumbeats, flutenden Noise-Gitarren, Glockenschlägen und Ambient-Sounds, dazu hymnisch-finsteren Gesangslinien. „Wir sind laut, aber nicht nur“, beschreibt Hahn die Klangästhetik, „Es ist ungefähr so, als schwimmst du mit der Brandung, und eine Welle kracht über dir zusammen und treibt dich irgendwo an den Strand. Ich schrammele über alle Saiten, dauernd, fast bis zum Krampf im Arm. Man ist froh, wenn ein Stück zu Ende ist.“
Les Hommes SauvagesBalsam für Ohr und Armmuskeln ist da vergleichsweise Hahns eigene Band, Les Hommes Sauvages (Bild links), die er mit Sängerin und Lebensgefährtin Viola Limpet anführt. Das Duo und seine feste Begleitung aus Berliner Szenekräften haben unlängst das dritte Album herausgebracht. Auf „Vive La Trance“ taucht die Band wieder tief ein ins feine Wechselwetter von erwachsener Melancholie und Leichtigkeit, mit Texten auf Englisch, Deutsch und Französisch. Limpet ist mit zerbrechlich-kühlem Sopran halb Wave-Göttin, halb Chanson-Träumerin. An ihrer Seite gibt Hahn mit leicht zerschlissener Kehle und Twang-Gitarre den sanften Schattenmann.
Für den 51-Jährigen ist der „Rock’n’Roll noir“ seiner Band die „logische Folge“ aus den mannigfaltigen Projekten seines Berliner Musikerlebens: darunter Garagen- und Po­werpop-Bands wie die Legendary Golden Vampires und die Nirvana Devils in den frühen Achtzigern, das Americana-Projekt Justice Hahn, nicht zu vergessen die Koolkings, Kultprojekt mit dem verstorbenen Big-Star-Sänger Alex Chilton. Einen roten Faden durch alle Kapitel hindurch sieht der gebürtige Pfälzer durchaus. „Das Verbindende kann man auf Englisch vielleicht so umschreiben: Reduce to the max“, erläutert er. „Bei den Swans geht es ja um sehr wenige Töne, die gespielt werden – aber mit der angemessenen Vehemenz. Um Reduktion geht es auch bei meiner eigenen Band – um die wesentlichen Töne, die einen Song voranbringen.“ Das Credo des Wenigen hat der Songschreiber verinnerlicht, seit er zum ersten Mal eine Wave-Band aus New York sah: 1977 war das, Blondie traten in Hahns damaligem Studienort München auf – für den damals 18-Jährigen ein „lebensveränderndes Erlebnis“. „Ich kann mich gut an den Tag erinnern. Es war der 21. November, ich hatte am Nachmittag noch eine Platte von Yes gehört. Die habe ich am nächsten Tag zum Secondhand-Laden gebracht, sie hatte keinen Gebrauchswert mehr für mich.“ Blondie, Patti Smith, Ra­mones und Richard Hell boten da ganz andere Perspektiven – samt ihres Ideals einer demokratisierten Kunst.
Christof HahnEs dauerte nicht lang, bis der Musikfreak 1980 München gegen Berlin eintauschte und mittendrin landete in der Punk- und Wave-Ära der Stadt, an einschlägigen Orten jobbte wie dem Plattenladen Zensor oder der Schöneberger Bar Risiko. Mit Mitstreitern aus dem Umfeld der Genialen Dilletanten, der Einstürzenden Neubauten und Nick Caves Bad Seeds verbindet ihn heute teils noch viel, so mit Bad-Seeds-Schlagzeuger Thomas Wydler, der auch zur Besetzung der Hommes Sauvages zählt. Die intensive Dekade hat Furchen im Gesicht des Gitarristen hinterlassen. Als passendes Bonmot zu den Zeitzeichen zitiert er augenzwinkernd Falco: „Wer sich an die Achtziger erinnert, hat sie nicht erlebt.“ Dass er mit den Hommes Sauvages auf den Spuren des Chanson unterwegs ist, erklärt Kristof Hahn mit pragmatischen Überlegungen. „Als wir die Band gründeten, habe ich mich gefragt: Wie kann man in Würde altern? Wie Leonard Cohen, der ruhig auf einem Stuhl sitzt und immer noch an der Welt verzweifelt? Oder eher als alter Bluesmann. Doch dafür bin ich nicht schwarz genug“, sagt er und lächelt. „Aber ein schmutziger alter Mann а la Serge Gainsbourg, das hat Würde.“

Text: Ulrike Rechel

Foto Les Hommes Sauvages: Stephan Schmidt

Swans + James Blackshaw, Volksbühne, Mo 13.12., 20 Uhr, VVK: 29,50 Euro

Les Hommes Sauvages (Record-Release-Konzert), Crystal Club, Sa 18.12., 21 Uhr, VVK: 10 Euro

Mehr über Cookies erfahren