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Swans

Die Noise-Extremisten haben auf ihre reifen Tage ihr Spektrum erweitert. Gnadenlos laut sind sie nur noch ab und zu, aber auch auf leisen Sohlen dringen die New Yorker in abgründige Gefühlswelten vor.

Swans
Foto: Laura Levine

Es war der perfekte Abgang: Als Michael Giras Swans 1997 auseinandergingen, war die Trauer unter Fans wie Kritikern groß. Der Einfluss der Band auf Rock-Underground und Mainstream, von My Bloody Valentine bis Nine Inch Nails, galt als unbestritten. Er habe jetzt Wichtigeres vor, ließ Gira damals wissen. Fortan widmete sich der Düster-Prophet mit dem abgeriebenen Bariton seinem im American Folk und Country wurzelnden Soloprojekt Angels Of Light. Er kümmerte sich um sein Young-God-Label, mit dem er Entdeckungen landete wie den damals noch als Streuner und Couch-Surfer durchs Land ziehenden Songpoeten Devendra Banhart. Die Swans also verglühten hell – wie gesagt, es war der perfekte Abgang.

Umso überraschender, als Michael Gira dann vor zwei Jahren plötzlich die Rückkehr seiner alten Krach-Extremisten bekannt gab; wo Reunionen doch oft zum würdelosen Nachklapp hinter respektablen Bandkarrieren geraten. Doch, und das war beinahe in Vergessenheit geraten, die Swans hatten sich damals mit einem Album verabschiedet, das bereits wirkte wie ein Schritt in Richtung Neuland. Auf „Soundtracks For The Blind“ hatten die New Yorker noch mal ihre Vorstellung von Intensität zelebriert und sich wandelbar gezeigt: über gnadenlose Lautstärke als einziges Stilmittel war die Band da bereits längst hinaus. Dabei war das so etwas wie das Markenzeichen der Truppe gewesen, die sich Mitte der Achtziger in New York gegründet hatte und sich von der No-Wave-Szene um Bands wie Psychic TV oder Sonic Youth beflügeln ließ. Bis heute halten sich Erzählungen von Szenen auf Swans-Konzerten, in denen Fans ob der schieren Klangwucht das Bewusstsein verloren oder sich übergeben mussten. Mit einer „Flugzeug-Explosion in Slow Motion“ verglich ein US-Kritiker mal sein Klangerlebnis und sah darin eine „Poesie, die sich aus Chaos formt“.

Jetzt also die Reunion. 2009 verkündete Michael Gira mit großer Geste via Facebook: „Swans Are Not Dead“ – und lancierte ein Comeback. Mehr noch, das Sextett scheint heute eine neue Relevanz zu haben: Ein neues, offenes Publikum ist nachgerückt; Zuhörer aus Indie-, Metal- und neuklassischen Sphären, die fasziniert sind von den New Yorker Grenzgängern und ihren Prinzipien von Verlangsamung, Versenkung und Wiederholung sowie einer fast körperlichen Erfahrung von Musik. Und immerhin: Das Comeback geht nun bereits ins dritte Jahr.
„My Father Will Guide Me Up A Rope To The Sky“ hieß das Rückkehr-Album mit bandtypisch schwarzer Blickrichtung in himmlische Gefilde. Eingespielt und später live aufgeführt von Giras neu formierter Truppe prägte es sich als beunruhigendes, gleichzeitig archaisches wie zeitgemäßes Werk ein, abseits jeder Genre-Festlegung. Als eingespielte Mitstreiter – wenngleich ohne Langzeitgefährtin Jarboe – stehen Gira wieder geistesverwandte musikalische Outlaws zur Seite wie der Berliner Underground-Gitarrist Kristof Hahn oder Schlagwerker Thor Harris aus Austin. Der Rhythmiker mit der langen Heavy-Metal-Matte addiert zu Giras Blues-Instrumenten wie Gitarre und Mundharmonika spannungsvolle, manchmal weltentrückte Töne von Glockenspiel, Gong oder Pauke. Zusammen mit Instrumenten wie Steel-Cello, Flöte und den Noise-Welten, die Hahn mit der Gitarre auslotet, verfügt die Band über einen kaum verwechselbaren, endzeitlichen Klangapparat.

Offenbar treffen Giras dröhnende, langatmige Alptraum-Visionen über menschliche Gier, Korruption und Selbstsucht derzeit wieder einen Nerv der Zeit. Von einem nostalgischen Nachklapp einer alten Bandgeschichte jedenfalls ist die Rückkehr der Swans weit entfernt. Das beweist auch das aktuelle Album „The Seer“, das die sechsköpfige Truppe ohne Atempause ins Zentrum ihrer Tour stellt. Die Bühne sieht der mittlerweile 58-jährige Bandleader ohnehin als wichtigste Entfaltungsstelle seiner Stücke. Die Songs, die mit vergleichsweise wenig Text und mit vielen sich wiederholende Phrasen auskommen, beschreibt Gira als „unfertig“. Er vergleicht sie mit einzelnen Einstellungen innerhalb einer ganzen Filmspule: „Die Einstellungen verschwimmen, fließen ineinander und verblassen auch irgendwann wieder. Wenn wir die Songs live spielen, dann verändern sie sich noch mal.“

Auf seine reifen Tage hat Michael Gira zudem seine Dramaturgie für emotionale Kontraste geschärft. Ungewohnt kurze Songs stehen auf „The Seer“ Klangtrümmer von halbstündiger Länge gegenüber; vereinzelt schlägt der Volumenpegel in lang nicht gehörte Extreme aus. Daneben entdeckt man dann einige der zartesten Songs gegenüber, die man aus Giras Feder kennt. In der Folkballade „Song For A Warrior“ etwa übernimmt die fragile Stimme von Karen Orzolek, Sängerin der Yeah Yeah Yeahs, das Mikro und erzählt von einer spirituellen Suche in einem verlorenen Land. „A Piece Of The Sky“ beginnt als Meditation ohne Worte mit Holzbläsern und endlos erscheinenden chorischen Liegetönen. Schließlich eröffnet Glockengeläut einen sonderbar tröstlichen Blues: eine fast filmische Kulisse für Michael Giras lakonischen Bariton. Der geht vollends in der Rolle auf als Endzeit-Cowboy, der immer ein bisschen dichter am Abgrund reitet als der große Rest.

Text: Ulrike Rechel

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